1988

 

Der Aliakmon – durch unbekannte Schluchten Griechenlands

Anfang Mai 1988 zog es uns wieder einmal in die Berge Griechenlands, wo sich
einige Wildbäche bisher beharrlich unserer Befahrung entzogen hatten. Prof. Hans
Matz, Horst Weber, Bruno Skorepa und ich durchquerten diesmal die Agrapha-Kette,
die „unbeschriebene“ Gegend. Matz wird in seinem demnächst erscheinenden Buch
diese urtümliche Landschaft mit herrlichen Flüssen ausführlich beschreiben.
Über Neuigkeiten vom altbekannten Aliakmon möchte ich schon
jetzt berichten.
Schon im Jahre 1954 wurde der größte Fluss Griechenlands
erstbefahren, in den Folgejahren berichteten mehrere Expeditionen von den
gewaltigen Schluchten des Unterlaufes, von fahrbaren Katarakten, Wasserwucht,
Adlern und Geiern in den Felswänden. Durch den Bau großer Wasserkraftwerke
schien dieser Fluss endgültig verloren.
Falsche Kartendarstellungen und
widersprüchliche Kilometrierung im DKV-Auslandsführer gaben wenig Hoffnung auf
einen Wildwasser-Rest. Neuere Publikationen versprachen herrliche Erlebnisse,
sodass wir am 12. Mai an der Brücke bei Paliouria (früher „Zunac“) einbooteten.
Ungewöhnlich warmes Wasser, ca. 30 m3/s, führte uns schnell in ein Engtal mit
schönen Schwallstrecken (WW II-III). In den Felswänden unter dem alten Kloster
Zamburzas  entdeckten wir einen brütenden Schwarzstorch und wenig später
konnten wir tatsächlich auch kreisende Adler beobachten. Nach 16 km verlangte
zunehmend der Fluss unsere Aufmerksamkeit. Eine riesige Schlucht aus dunklem
Gestein erwartete uns mit unübersichtlichen Katarakten, deren Wasserwucht an
große Alpenflüsse erinnerte. „Wie am Euphrat“ meinte Bruno, unser Senior, der
nach Jahren ausnahmsweise wieder im Wildwasserboot saß. Dreimal musste er mühsam
in steilen Geröllhalden übertragen, bei einer Stelle mussten wir alle die Boote
schultern – schwer verblockt stürzte der Fluss über einen 100 m langen Katarakt
mit schweren Walzen (WW V+, sonst WW IV und III). Gut 2 Stunden benötigten wir
für die 4 km lange Schlucht. Nach weiteren 4 km folgte eine kurze Klamm, die
ohne Schwierigkeiten zu befahren war. Leider werden hier z. Zt. Probebohrungen
vorgenommen, was in Griechenland aber noch nicht viel heißen muss. Die letzten
10 km fließt der Aliakmon langsam durch ebene Landschaft. 34 km nach Paliouria
erreichten wir die Brücke bei Rymnio, wo der Rückstau der Speicherkette beginnt
(Vollstau!).
Die Aliakmonschlucht gehört zu den wenigen Zielen in
Griechenland, die auch im Sommer noch lohnend sind, geringere Wasserführung wird
auch allen Paddlern zu empfehlen sein, die mit wuchtigen Großflüssen nicht
vertraut sind.
Unser letzter Paddeltag führte uns nordwärts an den Oberlauf.
Der mittlere Teil war bereits bekannt, ein Wanderfluss mit drei kurzen
Problemstellen. Zu beachten ist, dass in Karperon keine Brücke ist, viele haben
sich schon bis zur 10 km entfernten Brücke von Paliouria verirrt! Bei Kastoria
windet sich der Fluss träge durch flaches Land, hier mündet auch sein linker
Quellfluss, der Ladopotamos, dessen wunderschöne, kurze Klamm (WW IV) schon
länger bekannt ist.
Wir wollten diesmal den obersten Lauf des
Aliakmon
erkunden, der laut alter Karte der Monarchie von Interesse
sein müsste. 20 km bis Nestorio folgten wir einem wenig lohnenden Schotterbach
aufwärts, dann standen wir am Ausgang einer herrlichen Schlucht, die wir auf
einer schmalen Schotterstraße weiterverfolgen konnten. Das Tal ist völlig
menschenleer, da die Bewohner wegen der Grenznähe ausgesiedelt worden sind. Die
phantastische Szenerie führte uns – mit gemischten Gefühlen – bis auf 2 km an
die albanische Grenze heran, wo wir schließlich 4 km oberhalb der Ortschaft
Livazotopi einbooteten. Der Aliakmon entspringt 22 km weiter oben im 2523 m
hohen Grammos-Massiv und wäre vielleicht noch ein paar Kilometer oberhalb
fahrbar. Mit etwa 4 m³/s hatten wir gutes Mittelwasser, im Gegensatz zum
Unterlauf eiskalt und völlig unverschmutzt!
Vom Start weg glitten wir in eine
zunehmend steiler werdende Schlucht aus Schiefer- und Konglomeratgestein. Zwar
hatten wir fast die gesamte Strecke schon vom Auto aus besichtigen können,
dennoch bot jede Kurve Überraschungen, wie kleine Wasserfälle einmündender
Seitenbäche oder vielfältige Felsformationen. Technisch wird der Fluss nie
langwellig, geht aber kaum über den II. Grad hinaus, sodass der Abschnitt auch
für weniger routinierte Paddler zu empfehlen ist. Von einer Brücke im Mittelteil
abgesehen, führt die Straße hoch über dem Fluss, sodass sich erst nach 18 km die
Ortschaft Nestorio als ideale Ausbootstelle anbietet. Wer im Wonnemonat Mai den
Grenzübergang Bitola – Florina benutzt, sollte sich den Abstecher zum obersten
Aliakmon nicht entgehen lassen!

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