Marokko 1987 – Kanuexpedition am Rande der Sahara
Schon lange spukten die Beschreibungen von Franz Riegel in unseren Köpfen
herum: Von Schluchten, Flussoasen, Wildwasser und Sonne berichtete er. Wir
hatten besonderes Glück und konnten weitere vier unbekannte Flüsse befahren,
über die ich hier in Kurzform erzählen möchte.
Nach sechsmonatiger
Vorbereitung stand endlich die Mannschaft fest: Sepp Puchinger
(Enzersdorf/Fischa), Hansjörg Ransmayr (Bischofshofen), Erwin Welkhammer (St.
Pantaleon) und der Autor (Gars/Kamp). Probleme mit Studium und Bundesheer waren
gelöst, die beiden Autos für die 8000 km lange Reise gerüstet. Von 3. bis 31.
März 1987 dauerte die Fahrt, eine Zeit, zu der in Österreich tiefster Winter
herrschte. Wir hatten in Marokko fast immer Sonnenschein und Tagestemperaturen
von 18 bis 34 Grad! Während der 21 Tage in Afrika erlebten wir die faszinierende
Vielfalt des Landes: Wüste, Hochgebirge, arabische Städte und Lebensweise. In 9
Tagen am Wasser befuhren wir die bereits bekannten Flüsse Dades, Ourika und Oum
er Rbia, sowie die – für uns jedenfalls – neuen Flüsse Sebou, Draa, Ouzoud-Abid
und Abiod.
Sebou:
Aus einer starken Karstquelle, die von den Schneemassen des 3340 m hohen Bou
Naceur gespeist wird, entspringt einer der größten Flüsse des Landes, der Sebou.
Er fließt in einem Bogen um Fes herum dem Atlantik entgegen. Die Schluchtstrecke
von der Quelle (Ain Sebou) bis zur Brücke Sefrou – El Menzel (26 km) wollten wir
erkunden.
Die hohe Wasserführung von 10 m³/s im Oberlauf zuzüglich 10 m³/s
aus dem Quelltopf überraschte uns, aufgrund der Aussagen der Bevölkerung
riskierten wir dennoch die Einfahrt in die über 500 m tiefe Felsschlucht.
Nach einigen ruhigen Kilometern steigerten sich die Schwierigkeiten bis knapp WW
V, sodass wir das eine Schlauchboot (XR-Trekking) 8 km zurücktragen mussten und
am nächsten Tag nach vorheriger Erkundung mit den Kajaks weiter paddelten. Nach
einigen Passagen ähnlich der Oberen Ötz pendelten sich die Schwierigkeiten im
mittleren Bereich (Salza) ein. Auf warmen, sauberen Wasser glitten wir durch
eine Traumlandschaft, vergleichbar höchstens mit griechischen Superlativen, der
Schlüsselstelle bei km 16 entgegen. Hier tobt der Fluss durch eine
schwerverblockte, 300 m lange Schlucht, für mich war das Umtragen ein klarer
Fall und kein Problem. Erwin fand auch bei der erfolgreichen Befahrung keine
Probleme, gut WW V würde ich aber schon vergeben. Die letzten 10 km konnten wir
schon voll genießen, eine Riesenklamm und abschließendes wuchtiges Wildwasser
hatte der Fluß noch zu bieten.
Zusammenfassung: 26 km WW II-IV, 2 Abschnitte
WW V (umtragen am Ufer möglich). Vermutlich ganzjährig fahrbar.
Nachsatz:
Erst jetzt erfuhren wir von einer Befahrung dieser Strecke durch spanische
Sportsfreunde im Vorjahr.
Vom Hochgebirge in die Wüste: der Draa
Er wäre der längste Fluss Marokkos, jedoch erreichen die Schmelz- und
Regenfluten des Hohen Atlas nur alle Jahrzehnte den Atlantik. In den
Bewässerungskanälen der Flussoasen verschwindet allmählich das Flusswasser, und
nach Versiegen des Grundwasserstromes bleibt nur mehr die Andeutung eines
Flussbettes mitten in der Sahara. Schon lange hatte mich dieser Fluss
fasziniert. Wir befuhren zunächst seinen Oberlauf, den schon bekannten Dades.
Auf leichtem Wildwasser in riesigen Canons waren wir von dem XR-Trekking
Schlauchboot begeistert, ein Expeditions-Canadier der Spitzenklasse!
Von Agzd
bis Zagora (96km) strömt der Draa neben einer häufig befahrenen Touristenstraße.
Urlauber konnten sich kaum an einen Fluss erinnern, laut Reiseführer sollte er
hier bereits versickern. Wir fanden zu unserer Freude in Agzd einen breiten
Fluss mit gut 10 m³/s vor, der zwischen Palmen und Sanddünen seinen Weg sucht.
Eine kurze Bootsfahrt von km 31 bis km 21 vor Zagora brachte uns einmalige
Eindrücke.
Erst in Zagora wurde das Wasser knapp, hier enden aber auch die
konventionellen Verkehrswege („nach Timbuktu 52 Tage mit Kamel“). Ein
herrlicher, problemloser Wanderfluss für kalte Wintermonate!
Wasserfallabenteuer am Ouzoud:
Der Ouzoud-Wasserfall 80 km nordöstlich von Marrakech ist ein beliebtes
Touristenziel. Uns beeindruckte nicht nur der gewaltige 100 m-Fall, sondern die
Idee, darunter ins Boot zu steigen. Bei seltener Rekordwasserführung sprangen
wir über eine Unzahl kleiner und großer (bis 7 m) Tuffkaskaden, ähnlich dem
jugoslawischen Karst. Nach 3 km erreichten wir den Hauptfluss Abid, der jedoch
selbst kein Wasser führte (Kraftwerk). Mit dem Wasser des Ouzoud (knapp 5 m³/s)
drangen wir aber durch eine Riesen-Schlucht (WW III auf I sinkend) zur nächsten
Ansiedlung Tabja vor, wo wir ein Taxi organisieren konnten.
Wir hatten bei
dieser abenteuerlichen Kundfahrt ins Unbekannte sicher viel Glück: Nur drei
unfahrbare Stellen (10 m-Fall, Schlitz und Mündungscanon) bei idealer
Wasserführung, nur so konnten wir die Tour in einem Tag beenden. Der Besuch des
großen Ouzoud-Wasserfalles ist für Marokko-Paddler jedenfalls zu empfehlen!
Oued Inaouene (Abiod):
Bei der Rückreise von Fes nach Melilla stolperten wir über diese schöne
Schlucht. Der sonst unscheinbare rechte Nebenfluss des Sebou durchbricht neben
dem Col de Touahar die nördlichen Ausläufer des Taza-Gebirges. Superwetter und
Niederwasser (2 m³/s) ermutigten uns wiederum auf gut Glück in die Schlucht
einzufahren. Zeitweise rückten die Schieferfelsen beunruhigend nahe zusammen,
aber immer blieb der Fluss friedfertig. Auch der angekündigte Wasserfall war
unauffindbar, den technischen Höhepunkt bildete der Klammausgang mit dichter
Verblockung (WW III) am Ende der 10 km langen Strecke. Angeblich fährt hier auch
die marokkanische Paddlergilde.
Nach all den großartigen Erlebnissen waren
wir nicht weiter enttäuscht, daß unser letztes Projekt, die Schlucht des Za,
sich im Wüstensand verlor.
Marokko – das nächste Urlaubsziel?
Nach vielen Vorurteilen und Ängsten waren wir von der Problemlosigkeit der Reise
überrascht. Die Infrastruktur des Landes ist sicher besser als in vielen
Ostblockstaaten. Die Bevölkerung ist sehr gastfreundlich, wenn auch manche
Gewohnheiten für Touristen etwas nervtötend sind. Die Reisekosten lassen sich
(besonders mit Diesel-Bus) extrem niedrig halten, erholsam ist die Benutzung der
Fähre Sete – Tanger. Für die Befahrung der Wüstenflüsse Moulouya, Ziz und Draa
bietet sich der Hochwinter als Reisezeit an (Zagora 23 Grad), sonst wird eher
März bis April zu empfehlen sein. Die starken Quellen von Sebou und Oum er Rbia
ermöglichen sicher eine ganzjährige Befahrung.


