1982

 

Wildwasser im Waldviertler Winter

Ein kräftiger Tauwettereinbruch hat das Neue Jahr 1982 eröffnet, warmer Regen
auf die reichlichen Schneemengen lässt das Wasser rasch steigen. Man kann doch
solche Fluten nicht ungenützt ziehen lassen, also heraus aus dem Winterschlaf!
Sechs Garser Paddler folgen dem Weckruf, und bei strahlender Sonne und plus 8
Grad geht es geht es auf zum Purzelkamp.
Etwas oberhalb von
Waldhausen laden wir die Boote ab, dann muss noch ein Auto zur geplanten
Ausstiegstelle bei der Purzelkampbrücke am Ottensteiner Stausee gestellt werden.
Ein flüchtiger Blick von der hohen Brücke, der See scheint eisfrei zu sein.
Zurück beim Startplatz klettern wir in die Boote und rutschen über die noch
schneebedeckte Böschung ins Wasser. Der nur 5 m breite Bach wird durch die 6
Boote fast verklaust, doch dann geht es ab in Indianerreihe.
Schon nach einem
knappen Kilometer ist eine Blockstelle noch eisbedeckt und muss umtragen werden.
Der schneebedeckte Fels fordert zu einem genussvollen fliegenden Start in den
schmalen Gumpen auf (siehe Bild). Nach der Loschmühle rauscht der Bach
gefällstark (20 Promille) in eine urwaldähnliche Waldschlucht. Ohne besondere
Schwierigkeiten und Hindernisse (WW II) paddeln wird durch das einsame Tal, nur
ein paar Mühlen bzw. das größte Sägewerk Niederösterreichs erinnern daran in
Mitteleuropa unterwegs zu sein. Der Pegel in Werschenschlag (1 km nach der
Straßenbrücke Rastenberg) zeigt 172 cm, 180 cm wären zu empfehlen, um die Boote
zu schonen und zügigen Wellenspaß erleben zu können. Die letzten 2 km sind durch
den Wechsel vom Gneis in den Granit besonders schön, leider liegen 4 km bis zur
alten Mündung in den Kamp unter den Wassermassen des Ottensteiner Stausees
begraben. Für 1992 ist sogar ein weiterer Ausbau des Purzelkamp geplant, möge
ein allgemeines Umdenken dies verhindern!
Kurz vor dem Staubeginn treten
Probleme auf: Der Bach ist mit Eisschollen völlig verrammelt. Wir schleppen die
Boote mühsam am Ufer entlang, unsere beiden wackeren Damen beginnen mach
dreistündiger Fahrt erste Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Das Wehr der
Schöpfermühle hat den Eisstau verursacht, unterhalb setzen wir wieder ein, um
aber 100 m weiter deprimiert feststellen zu müssen, dass der hier beginnende
Stausee völlig zugefroren ist. Ein Aufstieg nach Rastenfeld erscheint zu mühsam,
das Ufer ist ungangbar, daher beschließen wir mit den Booten im Schlepp am Eis
weiterzuwandern. Irgendwo muss ja wieder freies Wasser kommen, außerdem sind es
nur noch 3 km. Obwohl ich nicht glaube, dass es noch solche Verrückte gibt, muss
ich doch gleich vor einer Nachahmung abraten: Das Eis wurde nämlich sehr
allmählich immer dünner. Kurz gesagt: 500 m vor dem Ziel ging ich als
„Vorkoster“ kurz auf Tauchstation. Obzwar ich blitzartig ins Boot kletterte,
gestaltete sich das weitere Vorwärtskommen durch das dünne Eis doch noch sehr
mühsam. Das leicht überronnene Eis hatte uns Stunden zuvor das trügerische Bild
einer freien Wasserfläche vorgegaukelt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit konnte
ich mit meinem „Eisbrecher“ die geplante Ausstiegsstelle erreichen,die anderen
kämpften sich inzwischen am Landweg vorwärts.
Altes Sprichwort: „Wenn dem
Esel zu wohl wird…“. Im Frühjahr, bei gutem Hochwasser (leider selten), kann
diese 18 km lange Fahrt aber jedem empfohlen werden.

Am folgenden
Feiertag, Heilige Drei Könige, konnten wir das Maximum der abziehenden Warmluft
noch einmal nützen, während in Westösterreich bereits Schneestürme tobten. Wir
einigten uns auf die Große Krems, die wir von Brauhaus weg
schon mehrmals befahren hatten (Kanusport 5/6 1979). Zwei Vereinsmitglieder
hatten vor Jahren sogar schon bei Großreinprechts eingesetzt, und Hans Molcik
schrieb im „Öst. Paddelsport 4/1965“ bereits von einer Befahrung der Großen
Krems und meinte, sie müsste schon ab Armschlag fahrbar sein. Diesen Punkt
hatten auch wir seit Jahren als höchstmögliche Einsatzstelle im Auge; als
Langläufer führte mich der Weg von Gars nach Gutenbrunn oft genug dort vorbei.
Ein kalter Wind pfeift hier oben in 730 m Seehöhe, als wir in das 4 m breite
Bachbett rutschen. 30 km und ein Höhenunterschied von 330 m liegen vor uns,
davon 20 km unbekannt, keine Straße führt am Bach entlang. Die ersten 2 km bis
zur Rabenhofer Säge sind noch sehr eng, zum Teil verwachsen, mehrmals müssen wir
querliegende Bäume umheben. Prompt nimmt einer auch schon das erste (sehr
erfrischende) Bad der Saison, als er einen niedrigen Steg übersieht.
Anschließend wird das Bachbett rasch größer, der sehr hohe Wasserstand erlaubt
ein zügiges Tempo. Kurz vor Grafemühle überrascht uns ein Katarakt, der durchaus
WW IV-Qualität besitzt. Gerhard überträgt, Mike und ich bezwingen die
verblockte, wuchtige Stufe. Die Folgestrecke führt uns stets abwechslungsreich
auf schnellem Wildwasser (WW II) durch dichten Nadelwald und kleine Wiesen. Ein
Zwischenfall bei einer neuen Wehranlage mahnt zur Vorsicht: Das rücklaufende
Wasser ist durch irgendeinen Einbau im Unterwasser so kräftig, dass mein Boot
zurückgezogen wird. Ich ziehe mich, breit in der Walze liegend, vorsichtig in
Ufernähe, wo mich Mike an der Kenterschlaufe herauszieht und so vor einem sehr
kühlen Bad bewahrt. Ab Großreinprechts steigt das Gefälle auf etwa 18 Promille,
eine um diese Jahreszeit spürbare Wasserschlacht beginnt; immer wieder schlagen
die eisigen Wellen ins Gesicht (analog den Karateschlägen: „goschi-waschi“).
Nach insgesamt dreistündiger Fahrt erreichen wir die Brücke in Brauhaus (Straße
Gföhl – Albrechtsberg), wo Gerhard abbricht (die Fahrt natürlich), da er einen
zwar tiefgekühlten, aber dennoch keinen frischen Eindruck mehr macht.
Mike
und ich stürzen uns über die folgende Genussstrecke, die 1965 noch mit WW IV-V
und zwei unfahrbaren Gefällstufen beschrieben worden ist. Heute ist diese
Wildwasserperle des Waldviertels auch bei Superwasserstand realistisch mit WW
II-III einzustufen, entsprechend dem Erzbach, aber landschaftlich weit
urtümlicher. Am „Zwickl“ mündet von rechts die Kleine Krems, die Stauwehr muss
rechts umtragen werden. Die folgenden 4 km liegen im Sommer trocken, heute ist
das Bachbett randvoll. Auch die spektakuläre Stufe (WW III+) wird rasant
genommen, dann ist bald die Ausstiegstelle beim Kraftwerk Hohenstein erreicht.
Der Pegel in Imbach zeigt 188 cm, aber schon ab 180 cm (Schneeschmelze März) ist
die Strecke Großreinprechts – Kraftwerk Hohenstein (17 km) wärmstens zu
empfehlen! Tage darauf versinkt das Waldviertel wieder in Schnee und Kälte,
unsere Flüsse erstarren unter schweren Eispanzern. Erst Ende Jänner naht die
nächste Warmfront. Samstag abends verabschieden wir einen unserer Besten in den
Hafen der Ehe; die turbulente „Trauerfeier“ verlangt am nächsten Tag eine
Abkühlung. Der Kamp ist kräftig angeschwollen, riesige Eisplatten treiben
flussab.

Wir beschließen, wieder ein „Projekt“ in Angriff zu nehmen, den
Oberlauf der Pulkau. Der 4-6 m breite Bach durchbricht vor der
gleichnamigen Ortschaft in einem wunderschönen engen Tal den „Thayagranit“, um
anschließend als trostloser regulierter Vorfluter durch das Weinviertel zu
ziehen. Unser Tal ist Landschaftsschutzgebiet und beliebte Wanderroute, wir aber
starten heute bei der „Schwarzen Brücke“ nach Theras zur Erstbefahrung. Der
Eisstoß hat den Bach mit Gewalt ausgeräumt, das Ufergehölz ist bis 1 m Höhe
abgeschabt. Bei sehr guter Wasserführung pirschen wir uns vorwärts. Viermal
müssen wir allerdings doch kurze Eisstaue umtragen, einige Bäume bereiten
Schwierigkeiten. Nach der Ruine Neudegg steigt das Gefälle auf 14 Promille, der
enge Bach wird flott bei zunehmender Verblockung zum Teil durch Eisschollen (bis
WW III).Nach 8 km erreichen wir ohne besondere Zwischenfälle Pulkau, wo uns
einige Zuschauer begeistert empfangen. Sogar einen Pegel entdecken wir, er zeigt
175 cm, gut 50 cm mehr als im Sommer. Bei einigen Gläsern Pulkauer Wein feiern
wir unsere Erstbefahrung, die allerdings nur für Liebhaber zu empfehlen ist. Als
wir zur Heimfahrt aufbrechen, ist die Straße schon wieder vereist. Es war ein
schöner Jänner, der Februar gehört wieder dem Winter!

Die NAARN, Mühlviertel für Spezialisten

Zwischen der in den letzten Jahren
bekannt gewordenen Waldaist und dem Kamp rauscht die Naam, ein wenig bekanntes
Wildwasser, das aber zu den anspruchsvollsten nördlich der Donau zählt. Von
Liebenau (1000 m) kommend, vereinigen sich die beiden Quellbäche Klammleitenbach
und Schwarzaubach in Königswiesen zur Großen Naam. 20 km weiter vereinigt sich
diese mit der von rechts mündenden Kleinen Naam, um nach der 14 km langen
Naarnschlucht bei Perg ins Donaubecken hinauszutreten. Beschreibungen von Großer
Naam und Naam finden sich bei der F & B Kanusportkarte Blatt 11, in „Österreichs
Kanusport“ Heft 5/6/1979 sowie im DKV-Auslandsführer Band 18.
Die Große
Naarn wurde von uns am 11. April 1982 bei sehr hohem Wasserstand (193 cm
Königswiesen) auf einem kurzen Teilstück befahren. Der erste Schwall gleich nach
der Wachtlmühle, wegen des angrenzenden Wildschweingatters Saukatarakt genannt,
bot sich beachtlich wuchtig (WW II-IV), bei leichtem Schneetreiben geraten
mannhohe Walzen besonders effektvoll. Die Fahrt wurde nach 2 km
witterungsbedingt abgebrochen, vom großen Kraftwerkskatarakt ist bei diesem
Wasserstand ohnedies abzuraten (Ideal 150-170 cm Kgw.). Eine Befahrung der
Naarnschlucht bedarf alpiner Erfahrung, guter Ausrüstung und idealen
Wasserstandes (170 cm Königswiesen, 195 cm Haid). Dann allerdings bildet die 14
km lange Strecke ein Wildwassererlebnis, das seinesgleichen sucht. Die
Steilzonen (35 Promille) werden durch vier kurze Flachstrecken mit Wehranlagen
unterbrochen, die leider bis Perg zunehmende Wassermengen ausleiten. Die
Befahrung der ersten 4 km gelang uns bei ablaufendem Sommerhochwasser (155 cm
Kgw.) am 6. Aug. 1979, schon damals beeindruckte der Fluss durch seine wuchtigen
langgezogenen Stufenfolgen, die überraschend flottes Vorwärtskommen. erlauben.
Erst am 18. April 1982 trafen idealer Wasserstand und Mannschaft zusammen. Bei
167 cm Kgw. brachen Manfred Hausmann, Günther Pressler und der Autor zur Fahrt
bis Perg auf. Die erste Steilzone zählt durch ihren ununterbrochenen hohen
Schwierigkeitsgrad zu den lohnendsten Abschnitten. In der zweiten,
wildverblockten Granitschlucht muss zumindest eine völlig verrammelte Stelle
überhoben werden, bei zwei Abstürzen sollte man die Mühen der Umtragung
(rechtzeitig aussteigen!) nicht scheuen (Straßen-km 10.0 bis 10.6). Der
Eingangskatarakt zur 3. Steilzone beim Ghf. Jägerheim muss 200 m umtragen
werden, da Gefälle, Verblockung und Wucht hier jenseits von WW VI liegen. Die
„Kellertreppe“ beim Falkenstein (Straßenenge) zählt zu den schwersten Stellen
der Naarnschlucht (WW V) und sollte entsprechend vorsichtig genossen werden. Der
4. Abschnitt ist wesentlich leichter, durch starke Ausleitung wird das Wasser
knapp. Nicht übersehen sollte man die letzte Stufe (WW IV) unmittelbar vor Perg,
die nach dreistündiger Fahrt einen würdigen Abschluss bildet. Von Perg zieht die
Naam schnurgerade reguliert durchs Machland zur Donau, in der Mitte dieser
Strecke befindet sich der für Nicht-Waldviertler ideale Pegel beim Gehöft „Hoser
in der Haid“, 4 km südlich von Arbing zu erreichen. Für eine Befahrung der
gesamten Strecke sollte ein Pegelstand von 195 cm kaum über- oder unterschritten
werden. Dieser Wasserstand ist anzutreffen, wenn Kamp, Waldaist und Rodl
befahrbar sind, also März oder April.

Wenn infolge hohen Wasserstandes
die Steilzonen von Waldaist und Naarn unfahrbar werden, bietet sich eine weitere
Spezialität dem Kleinflussliebhaber an. Die Kleine Naarn durchfließt von
Unterweißenbach 30 km bis zur Mündung ein abgeschiedenes Tal. Weder da noch dort
bewirken die verwachsenen Mäander irgendwelche Ambitionen; ein genaues
Kartenstudium weckte allerdings meine Neugierde: Eine 2 km lange Waldschlucht
mit 20 Promille Gefälle könnte interessant sein! Am 14. März 1982, der Winter
wollte noch nicht weichen, stapften wir durch kniehohen Schnee, um den Bach zu
erkunden. Wir waren begeistert, einziger Mangel: der Wasserstand. Doch schon am
9. April zeigte der Pegel Unterweißenbach 165 cm, und so starteten Michael
Kaplan, Heinz Eichwalder, Manfred Hausmann und der Autor bei eisiger Witterung
zur Erstbefahrung ab Unterweißenbach. Vom flachen Mäandergerinne steigert sich
die Kleine Naam bald zum munteren Wildbach (WW II-III), der durch rasche
Strömung, leichte Verblockung und Baumhindernisse einige Konzentration
erfordert. Den Höhepunkt und Abschluss der 6 km langen Fahrt bildet eine rassige
S-Kombination, die knapp dem vierten Schwierigkeitsgrad zuzurechnen ist. Bei der
Grubmühle wurde die Fahrt beendet, da die Folgestrecke stark verwachsen ist, ein
Fahrweg führt zur Straße Unterweilßenbach – Pierbach. Zwei Tage später wurden
noch die letzten 4 km vor der Mündung befahren, außer einer Passage (WW III) bei
der Heindlmühle ohne besonderen sportlichen Reiz (WW I). Besondere Rücksicht
gegenüber der ungestörten Natur versteht sich bei solchen Kleinflussfahrten wohl
von selbst!

Kurzbeschreibung:
Große Naarn:
Wachtlmühle – Pierbach 6 km WW II-IV bei Pegel Königswiesen 150-170 cm.
Kleine Naarn: Unterweißenbach-Grubmühle 6 km WW I-IV bei Pegel Unterweißenbach
155-175 cm.
Naarnschlucht: Zusammenfluß-Perg 14 km WW III-V bei Pegel Kgw.
170 cm, Haid 195 cm (ca. 10m³/s).
Vergleichswertung: Salza II-III, Erlauf und
Lassing II-IV, Donnersbach und Koppentraun III-V (bei MW). Ideale Zeit: März
oder April nach Schneeschmelze oder Regen.

 
 
 

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