Durch die Finsternisse der Mauthner Klamm
Während oben auf der Plöckenstraße
der Reiseverkehr von Kärnten nach Italien hetzt, findet man nur einige 100 Meter
tiefer totale Einsamkeit in einer der abenteuerlichsten Klammen der Ostalpen.
Wie man dort hingelangt, schildert folgender Bericht.
„Unbekannte Klamm, nur ein
Tiefblick von der Straße möglich, senkrechte Schluchtwände“ so schildert Hans
Matz bei einem zufälligen Gespräch ein neues Projekt. Seine genauen Erhebungen
mittels Luftbilder sind ergebnislos, die Felswände müssen zum Teil überhängend
sein. Ein flüchtiger Besuch zu Fuß von unten her auf dem alten Klammsteig muss
mit dessen Ende nach etwa 500 m abgebrochen werden. Viel mehr brauche ich nicht
zu hören, um sofort mit eigenen Nachforschungen zu beginnen: Der Valentinbach
entspringt am Fuße der Hohen Warte (2780 m) in den Karnischen Alpen und mündet
nach 14 km bei Kötschach-Mauthen in die Gail. Unterhalb der Plöckenstraße bildet
er die 3 km lange Mauthner Klamm, Gefälle zwischen 20 und 100 Promille,
Wasserführung im Juni etwa 3 m3/s. Das Gefälle macht mir Sorgen. Eine
Erkundungsreise von Sportsfreund Mandi bleibt wegen Hochwasser ohne Erfolg, er
berichtet von der abenteuerlichen Erstdurchsteigung der Klamm im Jahre 1926, die
im Gasthaus Eder an der Plöckenstraße dokumentiert ist. Bei einem Besuch der
Gail Ende Juli 1981 kann uns dann nichts mehr aufhalten.
Der Vormittag ist der Erkundung
gewidmet. Von der Plöckenstraße und vom gegenüberliegenden Römerweg ist ein
Ab-stieg in die Schlucht ohne Abseiltechnik nicht möglich, nur an wenigen
Stellen sieht man das Wasser, eine sichere Beurteilung ist ausgeschlossen. Erst
oberhalb des Gasthauses Eder quert der Römerweg den Bach, hier fällt er aber von
einer Stufe zur nächsten, kaum fahrbar und kaum zu übertragen. Nach mehreren
Stunden wilder Kletterei und ausgiebiger Fußmärsche fassen wir den Entschluss:
Das Ganze wird von unten her aufgerollt, vielleicht unsportlich, für neugierige
Menschen aber die einzige Variante. Das untere Klammende, wo Wasser entzogen
wird, erreichen wir mit dem Auto, nachdem wir allerdings einen
Verkehrsbeschränkungshinweis übersehen haben. Ein Einheimischer, der dort wohnt,
nimmt uns das nicht übel, er erzählt uns mit großer Begeisterung von den
Geheimnissen der Klamm, von der ersten und zweiten Finsternis und vom großen
Wasserfall. Er bezweifelt, dass wir mit unseren Booten bis zum Fall vordringen
können, wünscht uns aber viel Erfolg.
Manfred Hausmann, Ferry
Machatschek, Hubert Beck und ich schultern die Boote und marschieren über
Steiganlagen und durch kleine Tunnel bis zum Ende des Klammsteiges, der oberhalb
durch schwere Hochwässer schon lange völlig zerstört ist. Von hier weg müssen
wir die Boote teils treideln, teils tragen, teils können wir auch durch tiefe
Passagen paddeln. Immer enger wird die Schlucht, wir dringen um so gieriger in
den Berg hinein. Jetzt rücken die schon überhängenden Felswände auf wenige Meter
zusammen, die erste Finsternis ist erreicht. Bis hierher ist auch unsere
Begleiterin ohne Boot mitgeklettert, nach einer Rast in dieser schaurig-schönen
Märchenwelt verabschieden wir uns. Nach wenigen Biegungen erreichen wir den
absoluten Höhepunkt der Expedition, die zweite Finsternis. Nur ein schräger
Lichtstrahl fällt in diese dunkle Grotte und durchdringt das smaragdgrüne
Wasser. Glänzende Wasserschleier und glasklare Quellen ergänzen das einmalige
Naturschauspiel, das uns die graue Realität vergessen lässt. Ein Vergleich mit
unseren schönsten Schluchten des Jahres – Lammeröfen, Socacanon, ja sogar mit
der Steinberger Ache in Tirol ist durchaus angebracht. Von nun an wird der Bach
steiler, über einige Stufen heben wir die Boote hoch, dann erreichen wir den 7 m
hohen Wasserfall. Normalerweise ist er unüberwindbar, ein schrägliegender Baum
ermöglicht es aber Hubert und Mandi ohne Boote weiter vorzudringen. Über
folgende Erkundung berichtet Manfred Hausmann: Nachdem wir den glitschigen Baum
mit Seil- und Maibaumtechnik nicht ohne Probleme überwunden haben, klettern wir
noch ein paar hundert Meter in der Klamm weiter. Allmählich wird das rechte Ufer
flacher, wir befinden uns aber noch immer in einer tief eingekerbten Schlucht.
Nach etwa 500 m gelangen wir zu einem 8 m hohen Abfall über schräge Platten, der
eventuell zu befahren wäre. Gelegentlich versperren Bäume den Weg, dann
erreichen wir etwa 1000 m vom Ausgangspunkt einen hohen Absturz direkt unter dem
Ederwirt, den wir schon bei der Erkundung vom Römerweg aus entdeckt hatten.
Oberhalb beginnt die bereits erwähnte Steilzone, im besten Falle könnte man also
hier die Befahrung starten. Ein alpiner Abstieg wäre zu dieser Stelle unter
großen Mühen möglich, eine Befahrung bachabwärts durch mögliche Veränderungen
aber sehr riskant. Auch ohne Boote stellt der unterste Wasserfall einige
klettertechnische Anforderungen. Inzwischen sitzen Ferry und ich bereits über
eine Stunde in der feuchtkühlen, dunklen Klamm unter dem Wasserfall, die
Rückkehr des Stoßtrupps wird mit Hallo begrüßt. Endlich kann die eigentliche
Befahrung losgehen. Zuerst noch hundert Meter über schöne Abfälle, dann
zunehmend leichter, etwa WW II. Das überwältigende Erlebnis dieser Fahrt ist die
„Totale Landschaft“, nicht die Schwierigkeit. Schon nach einer halben Stunde
haben wir den Klammausgang erreicht, wo interessierte Zuschauer auf uns warten.
Nur wenige Einheimische kennen die Finsternis, das kalte und manchmal
schultertiefe Wasser schreckt die meisten ab. Unser Wasserstand hat gerade
gereicht, ein Pegel rechts vor der ersten Gefällbremse zeigt 70 cm, für den
Hochsommer ein eher hoher Wasserstand. Die beiden 4 m hohen Einbauten sind
leicht überronnen, zum Gaudium der Zuschauer meistern Hubert und Mandi die
Abfälle. Beim ersten kann die Nachahmung mangels Unterwasser nicht empfohlen
werden, die zweite Stufe bietet problemloses Flugvergnügen. Nur etwa 2 km sind
wir mit den Booten in die Mauthner Klamm eingedrungen, und dennoch fühlen wir
uns wie Columbus nach der Entdeckung Amerikas. Am nächsten Tag befahren wir die
obere Gail bis Birnbaum, bei Kaiserwetter und sehr gutem Wasserstand stoßen wir
dort leider auf die Bohrfirma „Insond“, die uns als düsterer Vorbote drohender
Zerstörung bekannt ist. Vielleicht werden Paddler zum Stichwort
,,Kötschach-Mauthen“ einmal nur mehr „Valentinbach“ assoziieren; zu empfehlen
ist der Abstecher in die Mauthner Klamm mit ihren Finsternissen aber jetzt schon
jedem erlebnishungrigen Sportler.



