1984

 

Zrmanja-Krupa –  Abenteuer im jugoslawischen Karst

Rund um die berühmten Plitvicer Wasserfälle gibt es einige interessante Flüsse,
allgemein bekannt sind Una und Korana. Nur wenige Gewässer erreichen oberirdisch
die Adria, dazu gehört die Zrmanja, die zum Teil im DKV-Auslandsführer Band 1b,
1981, schon beschrieben ist. Prof. Hans Matz, Horst Weber und Walter Mück haben
im Juni 1984 die Gegend näher erkundet. Hohe Wasserstände auf der Una hatten uns
auf dem Weg nach Griechenland eine herrliche Fahrt auf deren rechten Quellfluss
Unac ermöglicht (Pegel 30 m nach der Unac-Brücke in Martinbrod links 80 cm, ca.
30 m³/s). Von dort führt eine schlechte Schotterstraße zum unbekannten Oberlauf
der Zrmanja. Abseits der (durchwegs schlechten) Straßen zieht der klare
Karstfluss durch einsame, kleine Engtäler.
Wir starteten zur Befahrung einer
22 km langen Strecke von Palanka bis Ervenik. 6 Promille sind nicht viel, 130
Höhenmeter können im Karst aber unangenehm werden. Umso größer die Überraschung,
einen abwechslungsreichen, reizvollen Bach ohne große Probleme (WW II, ein paar
Wehranlagen) vorzufinden, der bei gutem Wasserstand (Frühjahr) jedem empfohlen
werden kann (Pegel Palanka 40 cm, Ervenik 80 cm).
Von Ervenik bis Zegar, von
wo der Fluss bereits beschrieben ist, bleiben 11 km interessante Schluchtstrecke
unerforscht, am Schluchtende wurde ein höherer Absturz aus der Ferne gesichtet.
Ein blauer Strich in der k.u.k. Monarchie-Karte 1.200.000 sowie eine frisch
asphaltierte Straße waren Anlass zur Entdeckung der KRUPA, ein rechter
Zubringer der Zrmanja, der am Fuße des Velebit-Gebirges aus mächtigen
Karstquellen entspringt. Bereits in der Ortschaft Krupa, nahe an der Quelle,
konnte die Befahrung begonnen werden. Einige hundert Meter mussten wir mit
Gesträuch in der Strömung kämpfen, einen plötzlich auftauchenden 2 m hohen
Absturz hätten wir beinahe mit gesenktem Kopf und längs liegendem Paddel
überwunden. Ein Zufluss von rechts ließ die Wasserführung auf etwa 5-10 m3/s
ansteigen. Bereits vom Auto aus hatten wir einen hohen Wasserfall gesichtet, nun
standen wir vor der 5m hohen Karststufe. Nach eingehender Untersuchung des
Unterwassers wagte einer nach dem anderen den großen Sprung. Beim Kloster Krupa
(schöner Zeitplatz) gabelt sich der Fluss in drei Arme, welche aus verschiedenen
guten Gründen alle unfahrbar sind. Wir zogen die Boote etwa 500 m über die Wiese
vor, wo der Fluss wiedervereint in ein enges Tal eintritt. 4 km weit paddelten
wir auf stehendem Wasser, uns war klar, dass wir so die 75 m tiefer fließende
Zrmanja nicht erreichen konnten. Einem rechts mündenden Seitenbach, von uns
Golubica genannt, folgten wir ein Stück aufwärts und entdeckten den Märchensee,
der zur Erkundung des einsamen Seitentales einladen würde. Kurz danach mussten
wir den ersten Wasserfall umtragen. Vorsichtig näherten wir uns der nächsten
Abbruchkante, welche uns mit einer Folge kleiner Stufen überraschte, zum
Abschluss aber mit einem 3 m Sprung aufwartete. Nun hatte es unser Fluss eilig
an Höhe zu verlieren. Wasserfälle von 10-20 m Hohe zwangen uns zum Schultern der
Boote. Die grandiosen Landschaftsbilder boten eine großzügige Entschädigung für
diese Mühen. Nach einem sportlichen 3 m-Sprung erreichten wir nach 10 km auf der
Krupa die Zrmanja noch oberhalb des schon bekannten Wasserfalles. Riskant war
das Umtragen über eine steile Geröllhalde, Hans wählte daher für sein Boot den
kürzesten Weg gut 20 m in die Tiefe, wo es zu unserer Überraschung friedlich auf
dem Wasser treibend auf sein Herrchen wartete. Einige leichte Wildwasserpassagen
(WW II) lockerten die Aneinanderreihung von Seen und Wasserfällen auf, dann
folgte wieder ein Sprung von 4 m Höhe. Das großartige Finale lieferte ein 7 m
hoher Absturz, den wir nach langem Zögern auch noch hinunterschossen. Vor
leichtfertiger Nachahmung dieser Flugerlebnisse wird jedoch gewarnt! 8 km vor
Obrovac entsteht ein kleines Kraftwerk, eine neue Zufahrtsstraße bietet eine
günstige Ausstiegsmöglichkeit. Wir mussten noch bis Obrovac weiterpaddeln; eine
schöne Schluchtstrecke, auf der man allerdings nach dem letzten Naturwehr (2 m,
links fahrbar) Motorbooten begegnet, die vom 16 km entfernten Meer aufwärts
fahren können.
Resultat: Ein Pflichtfluss für Paddler, die nicht im Eiskanal
ihr Ideal sehen, sondern für Naturerlebnisse und Landschaftseindrücke offen
sind!

Arctic Canoe Race 1984 – Der Marathon der Superlative

537 km Renndistanz ohne künstliche Hindernisse auf einem der nördlicheren
Flüsse der Erde, Tageslicht rund um die Uhr, begeistertes Publikum. Presse und
Fernsehen wie bei Weltmeisterschaften; professionelle Organisation – für sechs
österreichische Paddler reichten diese Gründe für eine Anreise von 3555 km von
Wien bis Kilpisjärvi im nordwestlichen Lappland.

Ein fernes Ziel rückt näher

Wer träumt nicht vom Land der Mitternachtssonne, von wilden, einsamen Flüssen,
weit weg vom überfüllten und verbauten Mitteleuropa? Auf nahrhaften Boden fiel
jedenfalls ein Bericht im deutschen „Kanu-Sport“ über das erste „Arctic Canoe
Race“ im Jahre 1983. Wolfgang Grothaus aus Berlin war einer der erfolgreichen
Teilnehmer dieses Testrennens, bei dem nur 30 von 90 Startern das ferne Ziel
erreichten. Beim Kampmarathon im April 1984 erzählte er von seinen Eindrücken –
ein gewaltiges Erlebnis, für welches allerdings etwa 2000 km konsequentes
Langstreckentraining erforderlich wäre.
Sechs Österreicher, darunter der
Autor, bemühten sich in den Folgemonaten wenigstens die Hälfte davon zu
erreichen, nebenbei mussten noch Probleme der Organisation und der Ausrüstung
selbst gelöst werden. Nach der Anmeldung erhielten wir ausführliche
Informationen über das Rennen sowie eine hervorragende Flussbeschreibung in
englischer Sprache, die auch während des Rennens als Verständigungsbasis diente.
Viel zu schnell verging die Vorbereitungszeit, und so kam es, dass Mike noch die
letzten Nachtstunden vor der Abreise der Fertigstellung seines Eigenbaurenners
widmen musste.

Auf in den hohen Norden!

Mein kleiner Lada-Kombi diente unserer Gruppe als Lastesel. Vier Personen, neben
mir noch Michael Kaplan und Michael Kugler vom UKK Wien sowie unser Betreuer
Klaus Brückner, mit Reisegepäck und Proviant für fast drei Wochen, vier WW
Regattaboote am Dach, so starteten wir am 22. Juli hoffnungsfroh in Wien. Die
zweite Gruppe, Hans Müller, Ernst Strebinger und Michael Peel vom KC
Feh-Orthmann Pernitz reiste unabhängig von uns. In Berlin trafen wir mit
Wolfgang Grothaus zusammen, der heuer mit einem K1 Rennboot ganz vorne
mitmischen wollte. Von Sassnitz nach Trelleborg überquerten wir mit der Fähre
die Ostsee, eine vierstündige Erholung mitten in tagelanger Autoreise. Auf sehr
schnellen Straßen arbeiteten wir uns an der schwedischen Küste nordwärts vor,
wobei die riesigen Distanzen (Trelleborg-Kilpisjärvi 2251 km), endlose Wälder
und erste Begegnungen mit Rentieren zu den besonderen Eindrücken der Fahrt
gehörten. Die schwindende nächtliche Dunkelheit brachte unseren Tagesrhythmus
völlig durcheinander, sodass wir eines späten Abends Tornio erreichten und die
ganze folgende Nacht die schweren Passagen unseres Flusses besichtigten. Erfreut
stellten wir fest, dass der Torneälv bereits Niederwasser führt, bei über 300
m3/s wohl mehr als genug. Mehr Kopfzerbrechen als die wenigen
Wildwasserabschnitte bereiteten uns die endlosen Flachwasserzonen und sein
weniger als ein Promille Gesamtgefälle, kaum zehn Prozent der Flusslänge
strömende Schwallstrecken. Worauf hatten wir uns denn da eingelassen?
Nach
Überschreitung des Polarkreises erreichten wir Donnerstag morgen, am 26. Juli,
den Ausgangsort das Rennens, Kilpisjärvi. Weit entfernt von nächsten Siedlungen
liegt hier ein Touristenzentrum am gleichnamigen See als Ausgangsbasis für
Touren in die hügelige Tundrawildnis rundherum. Kein Baum, nur niedrige Birken-
und Weidensträucher, Sümpfe und Seen, Schneefelder auf den kaum 1000 m hohen
Bergen prägten die Landschaft. Kühles und regnerisches Wetter hielt uns von
Wanderungen ab, die verbleibenden zwei Tage nutzten wir für einen Ausflug nach
Tromsö, Ausgangsort vieler Nordpolexpeditionen. Mittlerweile sammelten sich
Paddler aus ganz Europa am Start, darunter auch unsere Freunde aus Pernitz.

Das Rennen

Der Leser möge mir meine im folgenden rein subjektive Berichterstattung
verzeihen, einerseits konnte ich aufgrund meiner Position die Spitzenkämpfe
nicht verfolgen, andererseits fehlt mir die Wettkämpfermentalität für eine
angemessene Beurteilung. Mein persönlicher Kampf galt einzig der Distanz von 537
km, die ich mit einem Schnitt von 8 km/h zu bewältigen plante. Nach einer
gewissenhaften Besprechung und Bootsinspektion – auch Notfallpakete mussten
vorgezeigt werden –  war der Start für Sonntag, 3 Uhr früh, angesetzt. In
den den komfortablen Campinghütten verbrachten wir eine kurze halbe Nacht, schon
um 1 Uhr wurde geweckt. Schweigend stopfte sich jeder sein Spezialmüsli oder
sonstiges Kraftfutter in den Magen und füllte die Trinkflaschen im Boot, wohl
wissend, dass die richtige Ernährung entscheidend für das Rennen ist. Bei dieser
dieser Gelegenheit sei der Fa. Aumayr für diesbezügliche Unterstützung gedankt!

Mit dem Startschuss beginnt für 72 Boote, darunter K1 WWR,
K1, K2 und C2 Boote aus 7 Nationen der „längste Tag“. Mit
unglaublichem Tempo sprinten die Schnellsten voran, während ich mit einigen
anderen Paddlern im hinteren Viertel des Paddlerwurmes über den 13 km langen
Kilpisjärvi-See schaufle. Fast wie bestellt hat sich der Nebel gehoben und mit
der Sonne steigt die gute Laune. Am Seeausfluss muss wegen Wassermangels die
einzige Stelle des ganzen Rennens umtragen werden. Bald darauf bringt ein gut
markierter, schmaler Abschneider durch riesige Sumpf-Mäander noch kurz
Abwechslung, doch dann zeigt der Fluss sein wahres Gesicht, breit und eintönig,
ohne merkbare Strömung müssen Kilometer für Kilometer, Stunde für Stunde,
überwunden werden. Zwei kräftige Schwallstrecken im III. Grad erfordern
zwischendurch für hundert Meter volle Konzentration, sonst sind die Gedanken nur
auf die tägliche Zwangspause von 20 Minuten bei km 72 ausgerichtet. Nach Stunden
erreiche ich die Raststation, wo die Betreuer und viele Zuschauer warten. Mühsam
klettere ich aus dem Boot und brauche erst einmal Ruhe.
Nach einer kräftigen
Stärkung überblicke ich die Lage: Vieles schmerzt, aber keine besonderen
Probleme, meinen geplanten Schnitt habe ich trotz fehlender Strömung halten
können, also muss ich wohl weitermachen, obwohl es mich gar nicht mehr freut.
Mir bleibt wenig Zeit, die unmittelbar folgende Passage zu besichtigen: der
Pättikkäkoski ist mit WW IV eine der schwersten Stellen des Rennens, auf einer
Strecke von 600 m stürzt der Fluss über mehrere Stufen mit alpinem Charakter,
etwa 30 m3/s sorgen bei 14 Promille Gefälle für ein rasantes Abenteuer. Die
Einfahrt gelingt mir gut, dann verliere ich aber die Übersicht und schieße über
eine gewaltige Stufe. Irgendwie schaffe ich die Durchfahrt und finde eine schöne
Linie aus dem Katarakt. Einige Fahrer haben diese Passage umtragen, sie erhalten
20 Strafminuten, andere haben den Weg in die Arme der Rettungsposten gewählt und
reparieren ihre Boote.
Eine Stunde währt meine gute Verfassung, dann beginnt
wieder der lähmende Kampf mit der Uhr. Die Motivation schwindet zunehmend, erst
als im Hintergrund eine Verfolgergruppe sichtbar wird paddle ich wieder der
kräftiger und ziehe über den 5 km langen Kelottijärvi-See vorne weg.
Anschließend beginnt der vielleicht schönste Abschnitt des ganzen Flusses mit
langen Schwallstrecken zwischen steilen Ufern und schwarzem, ganz sauberem
Moorwasser. Allmählich holt mich eine Paddlerin ein, nach längerem englischen
Wortwechsel einigen wir uns auf Deutsch, es ist Ulrike Deppe, die deutsche
Slalom-Weltmeisterin. Im Wildwasser kann ich lange mithalten, dann verlässt mich
die Kondition und die letzten Stunden des Tages werden verdammt lang. Eine
kleine Brücke am Horizont halte ich für das Ziel und schlage schneller, doch die
Realität ist grausam. Noch weitere 5 km, der Schlusssprint wird durch starken
Gegenwind zur Sisyphusarbeit. Nach 15 1/2 Stunden steht im Ziel in Karesuando
für mich fest: Diese 131 km sind mehr als genug, ich beende das Rennen! Alle
Österreicher haben das Ziel erreicht, einige sind so gezeichnet, dass auch sie
an Aufhören denken, in den Resultaten des ersten Tages spiegelt sich die Härte
dieser entscheidenden Etappe, Tagessieg geht an den K2 von Gerlach-Prijon mit
einer Zeit von 11:11 Stunden, das Schlusslicht, begleitet von „Tail End Charlie“
benötigt 18 1/2 Stunden. Nur 57 Boote bewältigten die Distanz, aber auch die
Gescheiterten dürfen das Rennen fortsetzen, sie erhalten sechs Stunden Zuschlag
zur Zeit des Klassenletzten.

Nach dem Heilschlaf sieht
die Welt um 10 Uhr morgens besser aus, wir klettern wieder in die Boote. Hans,
Ulrike und ich bleiben den ganzen Tag in einer Gruppe, der Fluss ist heute
abwechslungsreicher ohne besondere Probleme. Gut gelaunt vergehen die 100
Tageskilometer relativ flott, um 20.15 Uhr erreichen wir Muonio, wo ein langer
Schwall für einen rassigen Zieleinlauf sorgt. Unsere Campinghütten mit freier
Sauna liegen gleich am Fluss, die Sonne scheint bis fast 23 Uhr, die
Etappensieger werden geehrt, eine Verlosung und Folkloredarbietungen runden
einen schönen Abend ab. Für Überraschung sorgte unser Jüngster, Michael Peel,
der kurzentschlossen in der Rastpause das Rennen abgebrochen hatte und schon
Richtung Österreich unterwegs war, um seinen Urlaub anders zu gestalten – ein
Normaler unter Irren?

Der dritte Tag beginnt mit den
Muonioschnellen (WW III-IV), einer langen, wuchtigen Schwallstrecke zwischen
steilen Felsufern. Hans fährt eine saubere Linie vor, irgendwie gelingt es mir
in seiner Spur zu bleiben und so den schwersten Walzen zu entgehen. Der Rest der
anstehenden 85 km ist wieder monoton, riesige Wasserflächen ohne markante
Landschaftsbilder, meine Motivation sinkt bis Kolari wieder gegen Null.
Glücklicherweise ist morgen Ruhetag!
Die Unterbringung erfolgt gemeinsam mit
deutschen Kameraden in einer Schule. Die Stimmung ist übermütig, obwohl der
Anblick der Wettkämpfer eher an Kriegslazarette erinnert – Verbände und Pflaster
auf allen Körperteilen, von der Presse als Folgen von Wildwasserunfällen
fehlinterpretiert, tatsächlich aber zur Behandlung von Sehnen- und
Muskelzerrungen, Blasen und Schürfwunden von dauernder Bewegungsmonotonie.
Probleme mit seinem Sitzfleisch hat wohl nur Toni Prijon keine, er unterlegt
während des Rennens seinen Allerwertesten auf Mongolenart mit zwei rohen Steaks!
Andere Beschwerden haben unsere Betreuer, sie dienen den Raubtieren des Nordens,
den Gelsen, welche im Ufergebüsch, nicht aber auf den freien Wasserflächen
lauern, als Blutopfer.
Am Ruhetag wird der ganze Renntross,
Organisatoren, Paddler und Betreuer, mit Autobussen herumgeführt, samische Kunst
ist zu sehen, wir essen Rentierfleisch, sehen Filme und fühlen uns recht wohl.
Am vierten Renntag mündet unser Fluss, der anfangs Könkämäeno
und dann Muoniojoki heißt, in den Torneälv. Wir paddeln jetzt auf einem großen
Strom, der in seltenen Schwällen seine Kraft zeigt. Trotz zunehmender Schmerzen
im Handgelenk schaffe ich wiederum die 85 km bis Pello, wo uns als Abendprogramm
u.a. ein spannendes Kanupolo-Turnier Finnland gegen England geboten wird. Nur 61
km werden am fünften Tag von uns verlangt. Herrliches Wetter und
Wassertemperaturen um 18 Grad würden bei dem idyllischen Rastplatz in Svanstein
zum Baden am Strand einladen, leider bleibt uns keine Zeit. Der Fluss wird
endlos weit, verzweigt sich zwischen Inseln, die Ufer sind gut 1000 m
voneinander entfernt. Mein persönlicher Tiefpunkt ist erreicht, als die längst
erwartete Brücke von Aavasaksa mehr als 10 km entfernt über dem Horizont
auftaucht und der folgenden Stunde kaum näherrückt. Völlig ausgelaugt schleppe
ich mich ins Ziel.
Der letzte Renntag enthält auf 75 km
Distanz zwei berüchtigte Katarakte mit WW IV. Schon der Vuento, ein
kilometerlanger Schwall, WW III, zeigt die Gewalt dieser Wassermassen. Mit
gemischten Gefühlen nähern wir uns, wieder zu einer Gruppe vereint, dem
Matkakoski, der mit WW IV bis V bewertet wird. Zwischen Felsen und Walzen finden
wir eine ideale Spur (eher WW III bis IV), weniger Glück hat ein Finne, der vor
uns beachtliche Schwimmkünste demonstriert und dem wir anschließend gemeinsam
ans Ufer helfen.
Mit mehr Selbstsicherheit paddeln wir nun dem spektakulären
Problem entgegen, dem Kukkolankoski. Eine Stromschnelle, die in der
Imsterschlucht ihresgleichen sucht, verwandelt den riesigen Strom in tobendes
Inferno. Viel Zeit zum Überlegen bleibt mir nicht, mit rasendem Tempo schießen
wir durch die Wellen, für die vielen Zuschauer am Ufer habe ich kein Auge über.
Nur mehr 17 km zum Ziel! Ich lasse nach dem Ende der Schwierigkeiten die anderen
ziehen, jetzt ist es geschafft!

Im Ziel!

Nach 537 km, mit einer Gesamtzeit von 54 Stunden 50 Minuten, erreiche ich, an
42. Stelle liegend, das Ziel in Tornio-Haparanda, wo eine begeisterte Menge noch
immer bis auf den letzten Kanuten wartet. Auf uns wartet (nicht lange) ein
kleiner Imbiss in einer eleganten Sauna, eine erste Erholung von den Strapazen
einer langen Woche. Bei der feierlichen Siegerehrung hängen die Flaggen aller
teilnehmenden Nationen, diesmal auch Rot-Weiß-Rot! Für die Sieger gibt es ein
Goldpaddel im Wert von über 30.000 öS, aber auch der beste „Schwimmer“ bekommt
einen Sachpreis (Helm), er hat sich diesen schwer verdient. Besonderen Applaus
ernten zwei Mädchen, die im Zweier-Kanu bis ins Ziel durchgehalten haben! Viele
Paddler haben Probleme beim Händeschütteln, auch mir wird eine leichte
Sehnenscheidenentzündung noch einige Tage zu schaffen machen.
Von 72
gestarteten Booten sind 55 in der Wertung geblieben, nur 43 Boote sind
tatsächlich alle Tagesetappen voll gefahren. Der Gesamtsieg geht an die K
2-Mannschaft Gerlach-Prijon, BRD, mit einer Rekordzeit von 41:43:29. Mit unserer
Reihung in der K1 Klasse dürfen wir voll zufrieden sein:
1. Keller Markus,
CH, 43:04:29, 14. Kaplan Michael, 47:22:59, 17. Strebinger Ernst, 48:02:11, 24.
Kugler Michael, 51:12:03, 29. Müller Hans, 52:22:27, 33. Mück Walter, 54:49:57.
Die Siegerzeit in der C 2-Klasse beträgt 49:58:32. Die Wildwasserboote sind
heuer deutlich überlegen, als schnellster K 1-Rennbootfahrer erreicht Wolfgang
Grothaus den 7. Platz. Stürmisch wird schließlich dem Hauptorganisator der
Veranstaltung, Steve Bowles, für seinen Einsatz gedankt, ein ungewöhnlicher
Funktionär, der im Rettungsboot genauso anzutreffen ist wie bei jeder
Unterhaltung und bei offiziellen Anlässen, die durch ihn stets einen humorvollen
Unterton erhalten. Mit einem Stab von fast 500 Mitarbeitern entlang einer
Strecke vergleichbar der West-Ost-Erstreckung Österreichs hat er Großartiges
geleistet!
Heimreise mit Umwegen
Viele neue Freunde galt
es am nächsten Tag zu verabschieden, bevor wir langsam Richtung Süden
aufbrachen. Eine knappe Woche lang wollten wir den Subkontinent durchstreifen,
viel zu wenig für diese Entfernung. Über die Silberstraße zur norwegischen Küste
bis Trondheim, von dort wieder über Nebenstraßen nach Schweden führte uns die
Kundfahrt. Nicht nur unzählige Wasserfälle, sondern auch unbekannte Wildflüsse
in einer erstaunlichen Vielfalt entdeckten wir entlang unserer Route, genug für
eine Generation von Erstbefahrern! Nach zwei Wochen im hohen Norden erlebten wir
erstmals wieder den Einbruch der Dunkelheit, drei Tage später trafen wir in
später Nacht in Wien ein.
Wenige Freunde hatten uns diesen Erfolg zugetraut,
gewonnen hatten wir jedenfalls etwas, das keiner missen möchte: Erfahrung; es
war faszinierend, die eigene Belastbarkeit kennenzulernen, wenn auch der Autor
selbst von solchen Schindereien auf lange Zeit die Nase voll hat!

Im Bayerischen Wald – Osterfreuden rund um die Ilz

Trotz jährlich stattfindender Bayerwald-Regatta auf der Ilz, trotz zunehmender
Paddlerscharen, die den Geheimtipp Wolfsteiner Ohe schon
kennengelernt haben, sind die vorhandenen Beschreibungen im Kanu Wanderführer
für Bayern (6. Auflage 1981) sehr unergiebig und die Gegend bei uns daher kaum
bekannt. Nach drei Kurzurlauben glaube ich doch, einige sehr interessante
Anregungen für das kommende Frühjahr geben zu können. Mit Gipfelhöhen bis 1456 m
(Gr. Arber) versorgt der Bayerische Wald uns Paddler weit länger mit Wasser, als
dies etwa im benachbarten Mühlviertel der Fall ist. Hauptfluss ist die Ilz,
welche in Passau in die Donau mündet. Im o a. Wanderführer, der leider vielfach
noch die alte Faltboot-Schwierigkeitsskala verwendet, ist die Ilz bereits neu
bewertet (WW I-III) und gut beschrieben. Sie gleicht stark unserer Waldaist, auf
eine weitere Beschreibung kann ich wohl verzichten.
Für den alpinen
Wildwasserfahrer weit interessanter sind ihre Quell- und Nebenflüsse, allen
voran die Wolfsteiner Ohe. Ihre beiden Quellflüsse, Reschbach und Saußbach,
durchbrechen bei Freyung eine 7 km lange Wald- und Granitschlucht und erreichen
nach der Vereinigung zur Wolfsteiner Ohe 200 m tiefer das Schluchtende bei
Ringelai. Das Gefälle beträgt wiederholt 50 Promille, sodass eine sorgfältige
Beachtung der Wasserführung erforderlich ist. Bei optimalen Bedingungen bewegt
man sich durchwegs im IV. und V. Schwierigkeitsgrad. Undurchschaubar scheint mir
aber das System von Ab- und Zuleitungen in der Schlucht, eine mehrfache
Kontrolle ist nötig! Im Frühjahr 1981 mussten wir, vom Saußbach kommend, die
Boote 2 km weit tragen, sodass uns ein Start vom Reschbach her günstiger
erschien. Im Jahre 1984 lagen die Verhältnisse umgekehrt und wir erlebten auf
unserer Trockenstrecke rassiges Wildwasser. Eine Wanderung vom Carbidwerk
(Abkürzung durch den Tunnel) flussauf bis zum großen Abfall (ca. 1 km) ist
empfehlenswert. Am 23. April 1984 wurde von uns eine 25 km lange Strecke von
Annathalmühle (Saußbach) bis Ringelal befahren, entsprechend habe ich die
folgende Kilometrierung angesetzt.

Saußbach – Wolfsteiner Ohe

 0 Ursprung als „Teufelswasser“ am Südhang des Postberges, 1307 m.
13
Annathalmühle, günstige Einstiegstelle. Der Bach zieht mit flotter Strömung
durch ein enges Waldtal, (WW II), am Ausgang Gefällbremse (Abflussmesstelle) mit
gefährlichem Rücksog! Pegel 60 cm ideal. Gefälle 17 Promille.
22 Kleine
Brücke bei Sonndorf, ev. Ausstiegsstelle, da die Folgestrecke durch
militärisches Gelände führt.
23 Brücke Sonndorf – Kreuzberg. Pegel 100 cm
ideal. 1 km danach folgt die Hauptstraßenbrücke Freyung-Haidmühle.
25 Wehr
Saußmühle, unfahrbar, rechts umtragen. Das folgende 4 km lange Waldtal bis zum
Ortsanfang von Freyung bietet wiederum ansprechendes leichtes WW. Einige mit
Vorsicht fahrbare Wehranlagen im Ortsbereich werden nicht näher beschrieben.
30 Wehr unterhalb des Schlosses Wolfstein, unfahrbar, rechts umtragen.
31
Stausee Freyung mit starker Ausleitung, Beginn der schweren Schluchtstrecke. Die
10 m hohe Mauer kann links gut umtragen werden. Bald verengt sich der Saußbach
klammartig und zeigt in einer Stufenfolge seine Kraft (WW IV). Bei einer
fahrbaren Wehranlage wird Wasser vom Reschbach zugeleitet, welcher kurz darauf
von rechts mündet.
33 Mündung Reschbach, Flussname jetzt „Wolfsteiner Ohe“.
(Ein Start vom Reschbach her, Einstieg Brücke bei Bierhütte kann bei bestimmten
Abflussverhältnissen günstiger sein, da keine Staumauer umtragen werden muss.
Die Schwierigkeiten sind ähnlich dem Saußbach). Nach 1 km leichter Strecke
beginnt die Steilzone mit dem großen Abfall (WW V). Einfahrt und Unterwasser
tückisch, gut sichern! Bei Niederwasser folgen jetzt einige sehr schöne IV-er
Stellen, 10 cm mehr verwandeln die Spielwiese in eine atemberaubende
Hochschaubahn bis zum Carbidwerk.
35 Carbidwerk (Buchberg Mühle),
Straßenbrücke, Wehr unfb.. Neuerlicher (unregelmäßiger?) Wasserentzug. Oft wird
hier ausgebootet. Im Gegensatz zu den bisher harmonischen Kombinationen folgen
jetzt verwinkelte Stufen in dichter Folge (2 km WW V). Erst kurz vor Ringelai
lassen die Probleme nach; ein Kraftwerksauslass sorgt für einen schwungvollen
Abschluss.
38 Ringelai, Ausstiegsstelle. Bis zur Mündung in die Ilz (km 55)
leicht.

Der Osterbach, welcher bei km 54 in die Ohe
mündet, wurde von uns auf einem 10 km langen Teilstück von Waldkirchen Mayersäge
bis Röhrnbach befahren, kann aber nur bei starkem Hochwasser empfohlen werden,
da nach der Brücke Waldkirchen – Freyung (fahrbarer Tunnel, 100 m) eine Folge
von Ausleitungen normalerweise zu langen Untragungen zwingt. (WW II, 10
Promille).
Bedauerlicherweise ist gerade im Bayerischen Wald die Ausnutzung
der Wasserkraft derart hoch, dass nur mehr kurze Teilstücke ein Bild ehemals
urwaldähnlicher Flusstäler vermitteln können. Besonders mussten wir dies an zwei
Quellflüssen der Ilz, der Großen und der Kleinen Ohe, feststellen. Die
Steinklamm der Großen Ohe südlich von Spiegelau wäre bei voller Wasserführung
ein Naturschauspiel von Europarang, bei gutem Überwasser sollten unsere
Alpinspezialisten einmal ein Auge auf diese mit Abstand großartigste
Granitschlucht der Böhmischen Masse werfen (80 Höhenmeter auf 1 km, WW VI und
unfahrbar?). Auch von den Steilzonen der Kleinen Ohe bleiben
meist nur trockene Felsen. Von Schönanger bis Grafenau konnten wir aber ein
nettes, 6 km langes Waldtal befahren, WW III, Gefälle 8 Promille.
Unsere
schönste Entdeckung bildete die Waldschlucht der Mitternacher Ohe,
ein weiterer Quellfluss der Ilz. Selbst die geringe Wasserführung (Einzugsgebiet
unter 1000 m Höhe) und die nur 5 km lange Strecke konnten unsere Begeisterung
nicht mindern. Von Kleinarmschlag – Lungdorf bis zur Zehrermühle durchfließt der
Bach eine einsame Waldschlucht mit bis zu 25 Promille Gefälle, enormer
Verblockung, durchwegs WW III-IV bei guter Wasserführung. Der Bayerische Wald
hat für Paddler noch viele schöne Bäche aufzuwarten. Die hervorragende
Gastronomie und der interessante Nationalpark bilden mit einen Grund zum
wiederholten Besuch dieser Gegend, wobei für Paddler die Monate März und April
zu empfehlen sind.

Der Arzino – „Das Wunder von Friaul“ oder „Die kratzbürstige Jungfrau“

Fast schien es mir, als wäre unser lieber Professor Matz jetzt übergeschnappt,
als er ganz aufgeregt von seiner neuesten Entdeckung berichtete: „Der Fluss des
Jahres“, die letzte große Erstbefahrung in den Alpen“ usw.!
Wie sollte denn
so ein Fluss in Friaul, direkt neben einer der Hauptverkehrsadern Europas,
unentdeckt geblieben sein? In einer Blitzaktion am 8. September 1984 konnten
sich Dr. Walter Keilitz, Fritz Navratil, Anton Mück und der Autor gemeinsam mit
Prof. Hans Matz von diesem Wunder von Friaul überzeugen. In einer scheinbar
unbekannten Gebirgslandschaft durchbricht der smaragdgrüne Fluss
Riesenschluchten und Canons, wie sie am Isonzo kaum zu finden sind!
Aufgrund
eines höheren herbstlichen Wasserstandes gelang uns die Befahrung von 3
Teilstrecken, insgesamt 13 km Fahrstrecke, und zwar von km 10,3 – 17,0, von km
18,2 – 21,5 und von km 26,4 – 29,3. Das erste fehlende Zwischenstück, nämlich
der zweite und dritte Canon, müsste zunächst bei winterlichem Niedrigstwasser
eingehend erkundet werden, da die überhängenden Wände des 5 m breiten und 100 m
tiefen Canons keine Erkundung von außen ermöglicht haben. Das zweite offene
Problem, die Riesenschlucht unterhalb von Pert, scheint aus der Vogelperspektive
eindeutig unfahrbar zu sein, ein Verlassen der Schlucht ist jedenfalls nur mit
Seil und Haken möglich.
Meiner bescheidenen Meinung nach werden sich an
diesem Fluss einige die Zähne ausbeißen, sollte jedoch die Befahrung gelingen,
wäre hier ein neues Mekka des alpinen Wildwassersportes geboren. Schon jetzt
lohnt die Anreise wegen der oberen romantischen Schlucht (km 15) und wegen der
auch optisch faszinierenden Klammen. 

Wildwasser in Rumänien – Transsylvanische Erlebnisse

Seit der Karpatenkundfahrt von Prof. Matz im Jahre 1971 hatte trotz
interessanter Beschreibungen kaum ein Paddler dieses abenteuerliche Land
besucht. Vom 19.Mai bis 1.Juni 1984 durchstöberte der Kajak Club Gars gemeinsam
mit Prof. Matz die Reste ehemals herrlicher Südkarpatenflüsse.
Ungewöhnlich
war schon die Anreise mit acht Wildwasserbooten ostwärts durch die ungarische
Tiefebene. Das Abenteuer begann am rumänischen Grenzübergang bei Arad. Visum war
zwar keines erforderlich, dafür aber Geduld für den ersten Härtetest. Nach über
zwei Stunden wusste der Zöllner endlich auch über den Inhalt des untersten
Bootes Bescheid (erkläre niemals einem Ostblock-Grenzer, dass im Auftriebskörper
Luft ist). Wenig einladend wirkte auch der Benzinpreis von öS 17.- pro Liter.
Was wir dann zu später Stunde auf der Suche nach einer Nächtigungsmöglichkeit
noch erlebt haben, würde einen Kriminalroman füllen. Um den Leser nicht zu sehr
abzuschrecken, möge der Hinweis ausreichen, den Bereich Arad – Timisoara in der
Dunkelheit zu meiden. Wer noch in Ungarn (z. B. in Mako nächtigt und dann bis
Herkulesbad vorstößt, wird sicher gutgelaunt den Urlaub beginnen.
Mit dem
Erreichen der Karpaten besserte sich unser Allgemeinzustand wieder. Der Hidegul,
Quellfluss des großen Timisul, bildete unser erstes Ziel. Zum Auffinden der
zumeist haarsträubenden Seitenstraßen war die alte Monarchiekarte 1:200.000
wieder einmal eine notwendige Hilfe. Wie aus den im Anhang zusammengefassten
Flussbeschreibungen hervorgeht, gehört der Hidegul zu den
überaus lohnenden Wildbächen. Bei der rassigen Abfahrt hatten wir endlich auch
erste positive Begegnungen mit der rumänischen Bevölkerung, die hier vergnügt
unser merkwürdiges Treiben verfolgte. Weiter reisten wir nachmittags über die
Porta Orientalis ins Cerna-Tal nach Herkulesbad, wo wir auf einem einfachen
Campingplatz unser Basislager für fünf Tage aufschlugen. Unsere Zeltausrüstung
allerdings blieb den ganzen Urlaub unbenützt, da auf den Plätzen immer billige
Holzhäuschen für je zwei Personen zur Verfügung standen. Wild zelten kann bei
den vorherrschenden Auffassungen über Besitz und Eigentum kaum empfohlen werden.
Baile Herculane, das alte Herkulesbad der k.u.k. Monarchie liegt im
wunderschönen Tal der Cerna und ist wegen seiner
Schwefelquellen berühmt. Wem vor nichts graust, der kann aus unzähligen Quellen
sogar Trinkproben nehmen. Ich persönlich bevorzuge Bier, und primär wollten wir
ja paddeln. Drei herrliche Tage erlebten wir auf der oberen, mittleren und
unteren Cerna. Trotz zweier neuen Talsperren ist die Anreise von 700 km von Wien
aus lohnend, zumal die angetroffenen Schwierigkeiten von II bis IV viele Paddler
ansprechen.
Vom gleichen Standlager aus starteten wir unsere erste
„Expedition“: Die Nera war im DKV-Auslandsführer nur kurz als
angeblich herrlicher, aber unbekannter Schluchtenfluss beschrieben. Andeutungen
einer zweifelhaften Person über militärische Sperrzonen ließ die Sache spannend
werden.
70 km westlich von Herkulesbad bot die Nera uns dann doch eine
friedliche Fahrt, die 30 km lange Kalkschlucht bietet sicher eine der schönsten
Wanderstrecken Mittel- bzw. Osteuropas. Abenteuerlich war nur die Autofahrt auf
schlechtesten Schotterstraßen, gewürzt durch das Problem des langsam, aber
sicher zu Ende gehenden Treibstoffvorrates. Buchstäblich mit dem letzten Tropfen
der Reservekanister erreichten wir die einzige Tankstelle in 100 km Umkreis, wo
wir auch nur nach kräftiger Nachhilfe Benzin aus der verrosteten Zapfsäule
quetschen lassen konnten.
An unser Hauptquartier in Herkulesbad hatten wir
uns schon so gewöhnt, dass wir sogar schon herausgekriegt hatten, welche
Lebensmittel man an welchem Wochentag in welchem Geschäft (wenn überhaupt)
kaufen konnte. Trotz einiger Ostblock-Erfahrung hatten wir ein ähnliches Chaos
noch nirgends erlebt!
Den Südrand der Karpaten entlang reisten wir weiter
ostwärts bis Novaci, wo der Gilortul auf seine Erstbefahrung wartete. In einem
netten Gastgarten speisten wir gepflegt, nachdem ein Blick auf den rassigen
Wildbach einen interessanten Nachmittag erwarten lassen hatte. Auf einer
schmalen Forststraße drangen wir in das steile Waldtal vor und booteten
unterhalb einer klammartigen Steilzone ein. Die spritzige Wildwasserabfahrt
wurde von einer immer größer werdenden Menschenmenge begleitet, für die wir
offenbar ein Jahrhundertereignis bildeten. Hoffentlich bleibt die neben dem Bach
führende Rohrleitung noch lange funktionslos! Gleich im nächsten Tal trafen wir
auf einen schönen Campingplatz bei der Weiberhöhle (pestiera mulieri). In einem
Prospekt entdeckten wir die Oltetsul-Klamm, die wir am nächsten
Morgen ansteuerten.
Ein 100 m tiefer, 5 m enger Canon offenbarte sich uns von
der Straße aus, die zahlreichen Einblicke und die geringe Wasserführung ließen
das Risiko gering erscheinen. Das Fahrverbot auf der Forststraße bildete das
zunächst kleinere Problem, alles was wir suchten, war eine Einsatzstelle in die
Klamm. Unterhalb einer unfahrbaren Bergsturzzone seilten wir unsere Boote 30 m
in die Tiefe und kletterten nach. Bevor aber der letzte Mann absteigen konnte,
erschien ein hoher Miliz-Beamter und nötigte uns zum Aufstieg. Nach langem
Wortgefecht gelang es unserem Professor, ihn von der nationalen Bedeutung der
Expedition zu überzeugen und wir durften wieder hinunter. Ohne Schwierigkeiten
gelang uns die Durchfahrung der leider viel zu kurzen Klamm, besonders imposant
fanden wir einen starken Quelltopf unter überhängenden Wänden. Bei höherer
Wasserführung wäre dieser Fluss sicher auch auf längeren Strecken lohnend.
Wir reisten weiter ostwärts bis zum großen Olt-Fluß und folgten diesem in
nördlicher Richtung durch den Karpatendurchbruch. Die völlig verwüstete,
verschmutzte und verbaute Landschaft sollte nur der Auftakt einer Reihe
deprimierender Erlebnisse sein. Große Erwartungen hatten wir in den Lotrul
gesetzt, ein angeblich wilder Gebirgsfluss. Einem ausgetrockneten Flussbett
folgten wir auf der Suche nach einer fahrbaren Reststrecke talaufwärts.
Immer
schlechter wurde die Straße, Wegweiser fehlten, und auch Einheimische konnten
uns nicht sagen, ob die geplante Passstrecke geöffnet wäre. Im Schritttempo
kämpfte sich unser VW-Bus samt Bootsanhänger durch Schlaglöcher und schlammige
Steilstrecken aufwärts. Die Spurrillen schwerer Holztransporter stellten die
einzigen Zeichen einer Befahrbarkeit der Straße dar. Beim Durchqueren einer
frischen Bergsturzzone zerschnitt ein scharfkantiges Eisenstück einen Reifen,
wir mussten Rad wechseln. Endlich erreichten wir den Fuß eines gewaltigen
Steinschüttdammes, auf den (glücklicherweise) gerade noch passierbare
Serpentinen hinaufführten. Der Lotrulstausee hat nie ganz aufgefüllt werden
können, eine geplante Hotelsiedlung verfällt noch vor Bauende. Bei einbrechender
Dunkelheit fuhren wir den See entlang, in der schwachen Hoffnung, irgend eine
Unterkunft hier mitten im Gebirgswald zu finden. Bei einer Gruppe verwegener
Schafhirten hielten wir an, und bald entstand ein lebhafter Wortwechsel und
Tauschhandel. Stolz zeigten sie uns ihren kräftigen weißen Hirtenhund, der ein
furchterregendes Stachelhalsband zum Schutze vor den zahlreichen Wölfen trug.
Mit sieben Kilogramm Schafskäse erreichten wir nur wenig später die Lotrulalm,
wo ein herrlicher Campingplatz viele Strapazen vergessen ließ. Zwei schöne Tage
verbrachten wir in dieser Oase des Friedens, die von Bergwanderern gerne besucht
wird. Außer unserem geschundenen VW-Bus erreichte nur ein dreiachsiger
Geländewagen diesen Ort! Der oberste Lotrul bot uns noch eine
10 km lange, leichte Wildwasserfahrt bis zum Stausee, wo er dann der
Energievernichtung preisgegeben wird.
Das gleiche Schicksal erleidet der
Sebesul, ein 60 km langer Wildwasserfriedhof. In Sebes (Mühlbach), einer der
sieben deutschen Gründerstädte Siebenbürgens, versuchten wir vergeblich Ersatz
für unseren Reservereifen zu bekommen; es empfiehlt sich bei Reisen in den
Ostblock Reserveschläuche mitzuführen!
Nach einer unruhigen Nacht in Orastie
waren wir froh, wieder einsame Täler zu erreichen. Der Riul Barbat,
ein linker Quellfluss des Streiul, überraschte uns mit rassigem Wildwasser, das
kaum Zeit zum Verschnaufen ließ. Ein großartiger Bach in herrlicher Landschaft!
Am Riul Mare, dem Hauptfluss aus dem Retezat-Nationalpark,
erlebten wir wiederum ein Stück Weltuntergang. Obwohl am Talausgang eine Tafel
Ausländern den Zutritt zu verwehren schien, konnten wir unbehelligt im Tal
nächtigen. Während der Oberlauf bereits hinter Betonmassen versunken war,
konnten wir am Unterlauf noch die volle Wasserwucht (über 50 m³/s) auskosten.
Riesige Baustellen ließen aber erahnen, dass dies wohl den Abschied von einem
Fluss bedeutet, der ähnlich der Ötztaler Ache zu den gewaltigsten europäischen
Flüssen zu rechnen war. Mitten in die letzte Phase apokalyptischer
Zerstörungswut gerieten wir beim Versuch, den angeblich lohnenden Bistra Marul
zu erkunden. Den Fluss gibt es nicht mehr!
Somit war unser Fahrtenprogramm
beendet. Den letzten Urlaubstag nutzten wir zur Erforschung der Carasul-Klamm,
die bei Resice (Reschitz) auf ihre Erstbefahrer wartet (!). Noch bei Tageslicht
verließen wir Rumänien, ein Land, in dem der wahre Sozialismus nicht nur die
Menschen zu vergewaltigen versteht. Mit einem kulinarischen Fest im ungarischen
Grenzort Mako schlossen wir unser rumänisches Abenteuer, das uns trotz allem
auch schöne Eindrücke hinterließ.

Cerna

Befahrbarkeit. Oberlauf Mai, sonst auch später.
 0 Ursprung in den
Godean-Bergen, ca. 2000 m.
12 Talsperre mit Ausleitung in ein anderes
Flusssystem (Motrul?). Die bald folgende Klammstrecke Cheile Corcoaia liegt
normal trocken, wurde aber früher schon befahren (OPS 10/73). Klammausgang,
sehenswert!
19 Mündung des Olanubaches rechts, Einstiegstelle im Frühjahr
22 Mündung des Craiovabaches rechts, 200 m danach Brücke. Zunahme der
Schwierigkeiten bis WW IV.
25 Steg und Brücke mit Pegel. 400 m danach (!)
Wasserfall Bobotul, 10 m hoch, X, links 100 m umtragen. Danach WW II-II.
29
Steg bei Straßen-km 80 (viele Quellen!).
35 Steg, ev. links ausbooten und
die schwere Schluchtstrecke umfahren (ca.1200 m)
36 2. Wasserfall, VI oder
X? 500 m danach Einbootstelle bei Steg.
37 Sägezahn-Katarakt, WW IV, Gefahr
durch Felsrippen.
38 Schlucht-Katarakt, WW IV, dann wieder leichter
42
Steg, danach Schlucht WW IV. 3. Wasserfall (Blockstufe 5 m, kaum fahrbar),
rechts umtragen. Ab Schluchtende muss künftig mit Rückstau des neuen Stausees
gerechnet werden!
50 Talsperre 1984 im Bau, angeblich wird ein Großteil des
Flusses bis zur Donau abgeleitet!
51 Einstiegstelle bei alter Brücke, WW III
52 Erst rechts, dann links Schwefeltherme, frei zugänglich!
53 Wehr, X.
links mühsam umtragen, gleich danach unter Brücke wuchtiger Abfall WW IV, bei HW
links kneifen! Die Folgestrecke führt mitten durch den Kurort Baile Herculane,
Schwefelquellen und historische Bauten!
58 Brücke am Ortsende. Ende der
WW-Strecke.
59 Pegel rechts, MW ca 130 cm
60 Campingplatz, Ausbootstelle
vor folgendem 4. Wasserfall (?).
62 Mündung der Bela (Erkundung könnte
lohnend sein, sportlicher Wanderfluss im Frühjahr?).
75 Mündung in den
Donau-Stausee bei Orsova.

Hidegul (Riu Rece) – Timisul (Tamis)

Aufgrund von Wasserableitungen im Oberlauf des Timisul bildet der rechts
mündende Hidegul den nunmehrigen Quellfluss, die Kilometrierung wird daher von
dessen Quelle begonnen, Befahrbarkeit: Mai, Juni
 0 Ursprung am Mt.
Tarcul, 2190 m
22 Poiana Ruschii, mögliche Einstiegstelle?, starkes Gefälle.
Zumindest WW IV, Straßenausbau 1984, nähere Erkundung notwendig.
27
Beton-Floßgasse, Beginn einer sehr lohnenden Strecke mit hohem Gefälle und
leichter Verblockung, WW III.
30 Rusca, am Ortsanfang und -ende Brücken mit
Pegel rechtsufrig (beide 90 cm gutes MW). Auf WW II sinkend.
36 Mündung in
Timisul, noch einige km lohnend, dann einige Wehre
70 Caransebes,
Flachlandfluss
120 Lugos
220 Grenze Rumänien Yugoslawien
320 Mündung in
die Donau bei Belgrad.

Nera

Die 30 km lange Klamm durch den Banater Karst bildet eine der schönsten
Wanderstrecken Europas. Befahrbarkeit: Mai bis Juni
 0 Ursprung am Mt.
Semenic, 1449 m
40 Bozovici, rechts Mündung des Minis (durch Kraftwerksbau
zerstört)
60 Sopotul Nou, Einstiegstelle zur Schluchtbefahrung. Zumeist ww
I.
55 Beginn der herrlichen Kalkschlucht. Gefälle 2 Promille, nur wenige
Stellen bis WW II.
90 Sasca Montana, Ausstiegstelle, Pegel an Brücke rechts
50 cm (MW), ca. 5-10 m3/s.
110 Naidas, Grenze Rumänien – Yugoslawien
140
Mündung in die Donau bei km 1075.
Die Begleitstraße von Sopotul Nou über
Carbunari nach Sasca Montana führt weit ab vom Fluss, sehr schlechter Zustand!

Gilortul

Befahrbarkeit: Mai bis Juni
 0 Ursprung im Paringul-Gebirge, 2529 m.
Oberlaut unbekannt.
15 Brücke, steile Klammstrecke (50 Promille) WW VI ?
16 Brücke, Einstiegstelle, zunächst zwei Stellen WW V, dann durchwegs WW IV auf
III sinkend. Gefälle 20 Promille.
19 Wehr, X. rechts umheben. Auch nach
Öffnung des engen Waldtales noch flotte Schwälle, WW II.
28 Novaci, Kirche.
Ausstiegstelle. Weiterfahrt könnte lohnend sein?
100 Mündung in Jiul

Riul
Barbat

Befahrbarkeit: Mai bis Juni
 0 Ursprung in den NO-Hängen des Vrf.
Poleaga, 2511m.
12 Kleine Holzfällersiedlung, mehrere Baumhindernisse und
Engstellen
13 Einstieg in den kaum 5 m breiten Bach. Gefällstarkes, wuchtiges
Wildwasser, genaue Erkundung von der Begleitstraße aus notwendig). Durchwegs ww
II-IV
15 Links Einmündung eines Baches, einige Häuser
22 Ausstieg vor
Wehranlage oberhalb von Hobicza (Weiterfahrt möglich)
30 Mündung in den
Streiul bei Pui

Zu den Bewertungen:
Die Schwierigkeitsgrade
orientieren sich an den von der ICF im Jahre 1979 ausgewählten Musterflüssen und
somit auch an den in Österreich üblichen Bewertungen (Salza II-III, Erlauf
III-IV, Ötz IV-V bei günstigem MW)

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