2020

Coronajahr 2020

Die Schmida, mehr als ein Pandemie-Opfer?

Den folgenden Bericht habt ihr dem 45 Jahr Jubiläum des
KCG, dem Redakteur des Deutschen Kanuverbandes (Otto Kaufhold aus Schleswig
Holstein) und letztlich dem Virus zu verdanken!

Während der Quarantänezeit musste ich mich um Alternativen
zu den geplanten Auslandsreisen umsehen und erstellte eine Liste mit 25 Flüssen
in Österreich, die mir in meiner Sammlung noch fehlten. Nach 45 Jahren kann man
sich vorstellen, dass diese Bäche nicht gerade zur Top-Liga gehören, nicht die
„600 Flüsse, die man vor dem Sterben noch paddeln muss“. Die Schmida war auch
darunter.

Rudi hatte ja am 13.09.2014 den Schmida-Wasserfall in
Kühnring erstbefahren (Bericht im Jahr

2014
), bei einem Abfluss am Pegel
Hollenstein von über 2 m3/s. Da seine Fahrstrecke aber kaum 100 m lang war,
sehnte er sich ebenfalls nach einem richtigen „Schmida-Flusspunkt“. Gemeinsam
mit Bruder Toni erkundete er am 02.05.2020 eine vermeintlich interessante
Mühlbachquerung in Hippersdorf an der Schmida. Von der Wasserführung waren sie
so begeistert, dass sie mich zur umgehenden Befahrung am nächsten Tag
überredeten. Meine Zweifel waren groß, ein trockenes Frühjahr, Pegel Hollenstein
0,2 m3/s, Jahresmittel sind 0,3 m3/s! Eine Pioniertruppe bestehend aus Raoul,
Rudi und mir, begleitet von Toni, standen jedenfalls tagsdarauf am empfohlenen
Einstieg, tatsächlich, in dem 2,50 m breiten, kanalisierten Bachbett fanden wir
40 cm tiefes, fließendes Wasser vor! Wir booteten an der Brücke in Hippersdorf
ein (km 29,8), um auch noch das Mühlbachwehr zu befahren. Hier wurde bis zum
Hochwasser 2002 ein 10 km langer Mühlbach ausgeleitet, heute liegt er trocken,
wir rumpelten über die insgesamt fast einen Meter hohen drei Stufen hinunter.
Die Folgestrecke verläuft tief eingeschnitten stichgerade durch das Tullnerfeld,
eine Allee von Nuss- und Kirschbäumen begleitet den Bach. Kurz erblicken wir
auch Kirche und Schloß Stetteldorf hoch am Rücken des Wagrams. Der Rest ist
Knochenarbeit, die Schmida wird zwar breiter, aber stark mit Schilf verwachsen,
immerhin kein einziges Hindernis! Nach der Schnellstraßenbrücke vor Tulln
erreicht die Schmida die Auwälder der Donau, wir paddeln noch 1 km in die Au
südlich von Perzendorf (km 17,9).
PerzendorfNach fast 3 Stunden und 12 km reicht es uns,
die Auwaldstrecke bleibt offen?

Natürlich muss diese Leistung auch in Facebook gewürdigt
werden, und wenige Stunden später schreibt der DKV Redakteur, wann er einen
Bericht für den neuen Österreich-Führer bzw. die Canua-App bekommt? Seit
Dezember versuche ich ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen, manchmal verzweifle
ich etwas ob seiner Liebe zu Details, aber das bekommt er nun zurück, eine
Schmida Beschreibung mit dem gewissen Extra!

Die Schmida ist, wie gesagt, kein Fluss der Superlative,
dennoch kann ich einzelne Höhepunkte hervorheben. Ihr Ursprung befindet sich
beim Schloßpark der Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner in Harmannsdorf,
gerade gegenüber der Quelle meines Haus-und Hofbaches, des Teichwiesenbaches.
Zählt man die Laufstrecke im Waldviertel dazu, so ist die Schmida mit 78 km der
längste Bach des Weinviertels (vor Russbach, Pulkau, Zaya und Göllersbach). Die
amtliche Kilometrierung habe ich dank Michael E. und Otto K. im NÖ Atlas
entdeckt, hier findet man viele interessante Informationen (atlas.noe.gv.at,
unter „Karten Center“ Fließgewässer auswählen und mit Abfrage „Stationierung“
Punkte am Flusslauf anklicken). Einen Gebirgsfluss kann die Schmida wahrlich
nicht nennen, der höchste Punkt im Einzugsgebiet ist eine 465 m hohe Kuppe bei
Sigmundsherberg (der höchste Berg von Schleswig Holstein erreicht allerdings nur
167 m).

Die Schmida durchschneidet zunächst die letzten Ausläufer
der Böhmischen Masse, konkret den Maissauer Granit. Bei km 72,4 ein
spektakulärer Höhepunkt, der „Kühnringer Wasserfall“, eine 3 m hohe Felsstufe,
deren Entstehung offenbar auf einen alten Fischteich zurückzuführen ist, als
dessen Entlastungsgerinne der künstliche Durchbruch diente. Auch die
Folgestrecke unter dem Eisenbahnviadukt und durch den Burggraben der
mittelalterlichen Stadt Eggenburg mit einer weiteren
StockerauerarmStufe wäre interssant, aber
trotz Ausschreibung einer Erstbefahrungsprämie vor 10 Jahren hat sich kein
Erfolg eingestellt. Ab Eggenburg ist der Bach meist stark verwachsen, flankiert
von den Granitfiguren der Feenhaube und Kogelsteine verläßt er bei
Klein-Reinprechtsdorf (km 62,2) endgültig das Waldviertel. Kurz vor Roseldorf
(km 58,3) sammeln sich mehrere Zubringer, von hier weg wurde das Bachbett in der
ersten Hälfte des 20. Jhdt. brutal reguliert (wie auch alle anderen Weinviertler
Bäche). Der Bach hat nun in den Ablagerungen der Ur-Donau das Schmidatal
ausgeformt, Wein- und Ackerbau prägen Landschaft, Menschen und Wasserqualität,
aber auch seltene Großtrappen fühlen sich hier wohl. Bei km 47,5 befindet sich
der Pegel Hollenstein, bei höheren Wasserständen könnte man sicher schon hier
einbooten, wenden muss man ja nicht unbedingt können!

Göllersbach MündungNachspiel: Am 24.05.2020 erkunde ich bei Pegel Hollenstein
0,8 m3/s Teile der Auwaldstrecke, insbesonders Ausbootmöglichkeiten. Bei km 11,9
erreicht die Schmida einen Güterweg bei der Kläranlage der Ortschaft Schmida,
jedoch ist der gesamte Aubereich durch einem Wildzaun abgetrennt, Zugang
verboten! Bei km 3,8 kommt die Schmida auf Tuchfühlung mit dem breiten Altarm
der „Alten Naufahrt“, beliebt bei Auwaldpaddlern. Hier könnte man nach Aussagen
eines Zeiselmauer Kanuten übersetzen, jedoch machen die vielen Biber eine Fahrt
höchst beschwerlich. Bei km 1,0 mündet der Göllersbach, hier könnte man zum Auto
in Stockerau flüchten, denn auch auf den nächsten Kilometern bis zur Donau gibt
es keine legale Zufahrt. Die Schmida mündet kurz darauf in die Alte Naufahrt,
die ab hier Krumpenwasser (km 11,5 ab Donaumündung) genannt wird, gleich darauf
die schönen alten Bootshäuser und das Gasthaus in der Au. Ich habe genug
gesehen, die Quarantäne ist auch vorbei, diese Befahrung darf warten!

Noch ein Covid Nachtrag – die Perschling

 Perschling

Auf der Liste der 25 Flüsse stand auch die Perschling,
zwischen Traisen und Tulln gelegen ein sehr unbekannter Bach im Nahbereich. Der
Oberlauf beschrieben als selten befahrbarer sportlicher „Staudenrauscher“, der
Unterlauf ab Böheimkirchen „dürfte für eine Befahrung kaum in Frage kommen“. Bei
einem Wasserstand von 3 m3/s in Atzenbrugg stellt jedoch die Fahrt im streng
regulierten Flussbett kein besonderes Problem dar, von psychischen
Ausnahmesituationen abgesehen. Am 1. Juni 2020 fanden sich jedenfalls fünf
Paddler, um bei Sonnenschein und 3,3 m3/s diesen Ausnahmebach zu bezwingen. Kurz
nach Böheimkirchen vereinigen sich Michelbach und Perschling, unterhalb der Wehr
von Schildberg booten wir ein. Wir werden von den Anrainern angefeuert,
KollegInnen von Rudi, ihr Lieblings-Badeplatz. Der 6 m breite Fluss ist wenig
spektakulär, einige Steinwürfe sind gut überronnen, sonst stört niemand die
Flusskanalidylle. Nach 8 km erreichen wir den Ort Perschling, wo wir ausbooten,
da kurz danach die Gabelung zwischen alter Perschling und Hochwasserkanal
beginnt. Ich darf mir noch die kritischen Kommentare eines Mitpaddlers
anhorchen, aber der Rest hat den schönen Tag genossen.

 

Vom Egerland zum Moldaustrand

 Eger%20Loket

Dieses nette Musikstück spiele ich jetzt über 40 Jahre,
jedesmal muss ich an die Eger denken, die mir bisher entgangen ist. Mit Abflauen
der Covid-Krise starteten Rudi, Raoul und ich Anfang Juni erst einmal zu einer
kurzen Österreichrunde mit guten Wasserständen auf Mürz und Mur. Mein Ziel war
jedoch, den gescheiterten Osterurlaub im Erzgebirge nachzuholen, wenigstens die
Eger zeigte einen sehr guten Wasserstand und nach schwieriger Terminsuche konnte
ich mich mit Rudi, Christl, Ricky und Dietmar am 21. Juni auf den Weg machen.
„Nur“ 350 km sind es von Gars bis Karlsbad, aber die Fahrt über Pilsen zieht
sich. Am späten Nachmittag erreichen wir das einzigartige Städtchen Loket
(Ellbogen) mit der gewaltigen Festung, welche seit fast 1000 Jahren den
Schluchtbeginn der Eger überwacht. EgerslalomMit einer „Sonnwendfahrt“ von Sokolov bis zum
Campingplatz in Loket (13 km) können wir die Burg im Abendlicht bestaunen. Es
ist Sonntag Abend, am Campingplatz wir es schnell erstaunlich ruhig. Am Morgen
starten wir zur großen 31 km langen Tour bis Radosov. Die Eger hat sich hier
zwischen Erzgebirge und Böhmischer Masse ein tiefes Waldtal gegraben, dank
voriger Regenfälle sorgen 20 m3/s für flotte Strömung. Nur selten gibt es
spritzige Wellen oder leichte Verblockung, die Eger ähnelt Kamp, Moldau oder
Thaya. Bei schönem Wetter genießen wir die unberührte Natur, einige
Jausenstationen sorgen für Stärkung. Die Durchfahrt durch Karlsbad ist wenig
lohnend, die heißen Quellen der Tepla merken wir erst beim Stadtbesuch am
letzten Tag deutlich. Unterhalb der Satdt beginnt der schönste Abschnitt,
zunächst mit einer sportlichen Slalomstrecke beim Hubertus-Camp. Als wir nach
fast 6 Stunden Kyselka erreichen, sind wir schon etwas geschlaucht. Die
historischen Bauten des alten „Bad Gießhübel-Sauerbrunn“ mit der Mattoni-Quelle
besichtigen wir erst am nächsten Morgen, unser sehr schöner Campingplatz „Na
Spici“ mit Hotel ist kurz nach der Ortschaft. Den Platz wollen wir zwei Nächte
nutzen, am nächsten Tag bleibt uns nur mehr eine 20 km lange Strecke bis
Perstein. Insgesamt hatten wir auf der 64 km langen Strecke nur 8 Wehranlagen zu
bewältigen, davon nur 2 Umtragungen. Die Fahrt ist für Familien mit Kindern
absolut zu empfehlen, Niedrigstwasserstände (unter 8 m3/s) sollte man eher
meiden. Eine neue App von der bekannten Anwendung kann ich sehr empfehlen:
https://mobil.raft.cz/.

Unsere Gruppe war vom Kurzurlaub sehr angetan und einig,
dass wir nächstes Jahr nach endgültiger Bewältigung der Krise nochmals einen
Ukrainetour versuchen wollen!

Auf der Thaya (Dyje) über die Grenze

Am 25.8. reisten Rudi, Joe, Heinz und ich nach Breclav (Lundenburg), um
endlich einmal die Thaya ab dem Stausee Nove Mlyny zu befahren. Der erste Tag
führte uns durch den Schloßpark von Eisgrub, wir nächtigten in Breclav, dann
ging es besonders schön durch die Auwälder bis zur March bei Hohenau.
013_Eisgrub

52,2 = 42,1

3. Talsperre, Einbootstelle links (Nove Mlyny). Der
Sprung in der Kilometrierung ist durch zahlreiche Regulierungen
notwendig.

38,3

Radbrücke Bulhary

37,0

rechts Ableitung der Zamecka Dyje (Schloßthaya),
siehe KB. Folgestrecke bis Břeclav stark reguliert.

36,3

Wehr 3,2 m hoch, X, beidseitig zu umtragen

31,9

Wehr 0,7 m hoch, beidseitig zu umtragen

29,9

Rückführung der Zamecka Dyje

24,2

Ortsanfang Břeclav, rechts Abzweigung eines
Seitenarmes

23,3

Wehr kurz vor der Hauptstraßenbrücke, 3 m hoch, X,
rechts ausbooten. Gute Einbootstelle mit Parkplatz 100 m danach.

18,6

Rückleitung des Seitenarmes, Beginn der
wunderschönen Aulandschaft des Nationalparkes

17,6

Radbrücke

16,8

Staatsgrenze Tschechien – Österreich in Flussmitte

11,7

rechts Mündung des Hamelbaches, Zufahrt von
Bernhardstal

0

Einmündung in die March, linkes Ufer Slowakei.
Ausbooten nach 2 km an der Brücke bei Hohenau an der March.

 023_EisgrubSchloßthaya
(Zamecka Dyje)

0826_ThayaDie Schloßthaya zweigt als Altarm bei km 37,0 von der Thaya
ab, die Schleuse muss umtragen werden. Zunächst urwaldähnlich bis zum
Campingplatz von Nejdek, nach 6 km sind ein Damm und die Wehranlage beim Schloß
Eisgrub (Lednice) zu umheben. Gemeinsam mit Ausflugsbooten führt nun die Strecke
durch den berühmten Schloßpark. Nach 11 km erreicht man das Schloß Januv Hrad,
die niedrige Brücke muss umhoben werden. Nach gesamt 12 km erreicht man wieder
die Thaya, die Schleuse muss wieder umtragen werden.

Fliedersbach und Gölsen

Am 2.9. schien der Wasserstand der Gölsen mit 9 m3/s in Rainfeld günstig für die
lange aufgeschobene Befahrung des schwer verbauten Voralpenbaches. Mit Heinz und
Rudi besichtigte ich zunächst den Unterlauf, die rückläufigen zahlreichen
Einbauten ließen uns aber immer weiter flußauf schauen. Nachdem wir in Hainfeld
noch immer genug Wasser vorfanden, packte uns der Pioniergeist! 2 km oberhalb
entsteht die Gölsen durch den Zusammenfluss von Fliedersbach und Gerstbach, hier
war aber keine gute Einbootmöglichkeit. Erst 2 km aufwärts am Fliedersbach in
Bernau konnten wir in den kleinen Bach einsteigen, gerade noch ausreichend für
eine „Berutschung“. Umso größer war unsere Überraschung, als wir mit kleinen
Abfällen und Schrägrippen in einer kleinen Schlucht konfrontiert wurden. 10 cm
mehr, und man könnte von einem IIIer Wildbach sprechen! Mit der Mündung des
Gerstbaches begann die überwiegend regulierte Strecke der Gölsen, die kleinen
Gefällbremsen waren jedoch noch zu befahren. Mitten in Hainfeld wartete eine
lange künstliche Blockstrecke mit erheblichem Gefälle auf uns, bei diesem
Wasserstand ein sportlich schöner Parcour! Zwei hohe Wehranlagen mussten wir
umtragen, aber kurz vor Rohrbach folgte noch eine nette naturnahe Flussstrecke,
bevor wir nach gesamt 8 km die Fahrt beendeten. Am Heimweg folgten wir noch dem
Michelbach, bei etwas mehr – ab 4 m3/s Plosdorf – auch ein netter Wildbach.

009_Flieder012_Flieder036_Gölsen
Fliedersbach nach BernauFliedersbachGölsen vor Rohrbach

Rückblick 2020

Die Covid19 Pandemie hat uns leider noch immer im Griff, viele Auslandstouren
sind ausgefallen. Dafür bekamen wir im Waldviertel so viel Regen wie schon lange
nicht mehr im Sommer, an solche Wasserstände im Oktober kann ich mich nicht
erinnern! Unser Präsident Michael steuert gerade auf seine 70. Kampausfahrt
heuer zu, begleitet meist von unserem Vereinspsychiater, der ebenso beachtlichen
Einsatz zeigt. Aber auch viele „seltene“ Mitglieder waren heuer zwischen Roiten
und Grunddorf unterwegs, ein Jahr, das (hoffentlich in guter) Erinnerung bleiben
wird.

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